Michel Winterberg, Drifting Futures: Das Verhältnis von Wissen, Ahnung und Verdrängung in der digitalen Gegenwart

Michel Winterberg, Melting – the show must go on!, 2023, Courtesy the artist, Foto: Marc Doradzillo
Review > Freiburg > Galerie für Gegenwartskunst
29. Juni 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Michel Winterberg: Drifting Futures.

Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg, Eschholzstr. 77.
Freitag 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 14.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.

Michel Winterberg: Symbiotic Distortion.
Live-Performance im Kammertheater, E-Werk Freiburg:
Dienstag, 30.6.2026, 19.00 Uhr

gegenwartskunst-freiburg.de

michelwinterberg.ch

Michel Winterberg, Melting – the show must go on!, 2023, Courtesy the artist, Foto: Marc Doradzillo
Michel Winterberg, Traces of the Ephemerical Code, 2026, Detail, Courtesy the artist, Foto: Marc Doradzillo
Michel Winterberg, Drifting Futures, Ausstellungsansicht Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg, 2026, Courtesy the artist, Foto: Marc Doradzillo
Michel Winterberg, Drifting Futures, Ausstellungsansicht Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg, 2026, Courtesy the artist, Foto: Marc Doradzillo
Michel Winterberg, Drifting Futures, Ausstellungsansicht Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg, 2026, Courtesy the artist, Foto: Marc Doradzillo

Ein Blick auf die Bildschirmzeit. Echt jetzt? – Schon wieder drei Stunden vergangen. So lange nutzen Erwachsene in Deutschland durchschnittlich ihr Smartphone am Tag. Sie posten, kommentieren, telefonieren. Schauen Videos. Bestellen Dinge. Zahlen. Was eben so anfällt. Und während sie das tun, brummen irgendwo die Server, die ihre Daten verarbeiten, ihr Kaufverhalten analysieren, Nutzerprofile erstellen. Und irgendwo anders brummen die Kraftwerke, die den Strom dafür produzieren, 50 Watt pro Stunde und Gerät, inklusive der nötigen Infrastrukturenergie.

Natürlich könnten wir das alles wissen. Und mit ein bisschen Mühe auch, was exakt mit unseren Daten passiert. Stattdessen haben wir uns aber daran gewöhnt, es lieber nicht so genau zu wissen. Vielleicht weil es reicht, es nur zu ahnen. Um sich nicht ganz ahnungslos zu fühlen.

Michel Winterberg ist ein Meister der Inszenierung dieses komplexen Zusammenhangs von Wissen und Verdrängung und seiner gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen. Seit den frühen 1990er Jahren experimentiert der ausgebildete Elektromechaniker und Medienkünstler mit Computern. Mal nutzt er sie als Werkzeuge zur Bilderzeugung, mal für interaktive Installationen, die auf Begegnung reagieren. In der Galerie für Gegenwartskunst im Freiburger E-Werk zeigt der Basler Künstler derzeit Arbeiten aus den letzten eineinhalb Jahrzehnten, darunter auch die hypnotische Multimedia-Installation „Melting – the show must go on!“, die 2023 das poetische Highlight der großen Kunst- und Wissenschaftsschau „Renaissance 3.0“ im ZKM Karlsruhe war.

Im E-Werk arbeitet sie still vor sich hin, ganz hinten in der Pfeilerhalle, im letzten Raum. Als Großprojektion wachsen dort Eiskristalle an der Wand in symmetrischen Mustern. Die Bilder stammen von einer Live-Webcam, die Wassernebel beim Gefrieren auf einer an ein Kühlsystem angeschlossenen Aluplatte filmt, bis nach ein paar Minuten der Energiekreislauf zusammenbricht, das Eis schlagartig abtaut und sich die Strukturen an der Wand zu Glas verflüssigen. Bis dann alles wieder von vorne losgeht.

Es ist das prekäre Mikroklima des digitalen Kapitalismus, das Winterberg hier im Loop-Modell vor Augen führt. Denn die Klimaerwärmung ist auch eine Folge der rasant wachsenden Rechnerkapazitäten, die nötig sind, um unsere Welt am Laufen zu halten. Damit die Server nicht abstürzen und wir weiterhin auf alles, was sie bieten, zugreifen können, müssen sie gekühlt werden, was wiederum zur noch rasanteren Erwärmung des Klimas beiträgt. Kühlen wir sie aber nicht, verschwinden unsere Daten und damit die Grundlage des digitalen Lebens, das längst untrennbar verbunden ist mit unserer physischen Existenz.

Vom Verblassen der Erinnerung handelt auch Winterbergs jüngste Arbeit „Traces of the Ephemerical Code“. Auch hier sind Kühlelemente verbaut, diesmal halten sie das Eiskleid einer zarten, japanischen Figur intakt. Hinter dem Kopf der Statue flackert wie eine gigantische Denkblase ein kreisrunder Screen an der Wand, auf dem Makro-Ansichten von Microchip-Oberflächen zu abstrakten Landschaftspanoramen mutieren, die entfernt an archaische Maya-Siedlungen erinnern. Irgendwann tauchen eine junge Frau und ein Kind auf, ein Familienvideo, ausgelassen spazieren sie einen Weg entlang, bis sie langsam zwischen Pixelwolken und Glitches verschwinden. Könnte das die Zukunft der Bilder sein? Nie haben Menschen ihren Alltag umfassender dokumentiert als sie es heute mit digitalen Medien tun. Doch wenn all die Daten irgendwann unleserlich geworden sein werden, weil die Speicher versagen oder es keine Abspielgeräte für die alten Medien mehr gibt, wird es so wenige Bilder aus dieser viel dokumentierten Gegenwart geben, wie seit Erfindung der Fotografie nicht mehr.

Umspült von dröhnenden bis sphärischen Techno-Sounds hat Winterberg die E-Werk-Galerie in ein äußerst kurzweiliges immersives Abenteuerland verwandelt, in dem man zwischen psychedelischen Videoanimationen, einem interaktiven Kochtopfballett, blubbernden Apparaturen im Sci-Fi-Look und einem Megafon-Pendel, das Feedback-Geräusche antiker Elektronikgeräte in den Raum spült, tief in die Widersprüche der digitalen Gegenwart verstrickt wird.