Neue Rituale für das Ende der Welt: im Widerstand

Neue Rituale Hek
Etsuko Ichihara, Sugamo, aus: Namahage in Tokyo, 2016–, Courtesy the artist
Review > Basel > Haus der elektronischen Künste
24. Juni 2026
Text: Annette Hoffmann

Neue Rituale für das Ende der Welt.
Hek, Freilagerplatz 9, Basel-Münchenstein.
Mittwoch bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 9. August 2026.
www.hek.ch

In Zeiten, in denen das Wort Ritual allenfalls an das tägliche Wohlfühlprogramm appelliert, hängt sich ein Titel wie „Neue Rituale (für das Ende der Welt)“ sehr weit aus dem Fenster. Denn die Kommerzialisierung macht auch vor symbolhaltigen Handlungen nicht halt. Obgleich die aktuelle Ausstellung im Basler Haus der Elektronischen Künste sich der Apokalypse gegenübersieht, gibt sie sich ausgesprochen zurückgelehnt, geradezu gut gelaunt. Denn selbst im Ende kann man sich noch einrichten. Unterstützung holt sich die Ausstellung bei Kunstschaffenden und Orten, die sich aus unterschiedlichen Gründen als widerstandsfähig erwiesen haben. Skawennati (*1969) etwa beamt in ihrer Second-Life-Animation „Time Traveller“ (2007-14) ihren Zeitreisenden aus der Mohawk Nation zu bedeutenden Momenten der First Nations in Vergangenheit und Zukunft. In einer der Episoden wird Hunter Zeuge, wie sich eine Vereinigung aller Stämme Alcatraz-Island aneignet für ein paar Glasperlen an die Kaukasier sowie Glaube und Erziehung. In einer anderen wäre er beinahe Opfer eines aztekischen Rituals geworden. Neben dem Screen an der Wand hängen Waffen, die Hunter als Jäger in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausweisen und eine beachtliche Machtdemonstration darstellen. Christiane Peschek (*1984) verortet ihre Installation „Fever“ in der Wüste. Dabei greift sie das antike Ewigkeitssymbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, auf, setzt den Ouroboros aber auch als konkreten Giftzahn um sowie in drei schmalen Schlangenskulpturen, die ein bisschen wie HR Gigers Aliens aussehen. In einer Art Phiole halten sie das Gegengift bereit. Fieber wird hier zur Metapher für einen permanenten Ausnahmezustand, der jedoch das Weiterleben ermöglicht.

In „Namahage in Tokyo“ aus dem Jahr 2017 geht Etsuko Ichihara (*1988) dem Brauch der Namahage auf den Grund, der anfangs auf die Präfektur Akita beschränkt war. Die Furcht erregenden Maskenträger besuchten zu Neujahr all jene, die sich nicht regelkonform verhalten hatten. In Ichiharas Video sieht man, wie ein neuzeitlicher Namahage die Bewohnerinnen und Bewohner der Metropole Tokio in der U-Bahn und auf der Straße heimsucht. Im Hek kann man am realen Modell die Überwachungskameras und Drohnen sehen. Es sind allesamt Faulenzer, die sich dem gesamtgesellschaftlichen Ziel der High-Performance entziehen und die jetzt die Rache ereilt. „Namahage in Tokyo“ treibt das Narrativ auf die Spitze und übt zugleich Kritik an der allgegenwärtigen Überwachung. Manchmal hilft auch einfach Anpassung.