Susan Hefuna.
Bündner Kunstmuseum, Postplatz, Chur.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Do 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 26. Juli 2026.
kunstmuseum.gr.ch
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Scheidegger & Spiess, Zürich 2026, 240 S., 48 Euro | ca. 49 Franken.
Die Stadt Chur ist ein Knotenpunkt, wie er vielfach im Werk von Susan Hefuna (*1962) vorkommt. Seit 2023 lebt sie hier, wenn sie nicht in Düsseldorf ist. Es ist ein Ort, an dem man viele Wege einschlagen kann. Sie gehen sozusagen in alle Welt wie die berühmten Bündner Zuckerbäcker, die erst in Venedig, dann in Odessa und Warschau, in Genua und in Kairo Cafés eröffneten. Das Café Groppi in Kairo wurde zu einem Intellektuellentreff. Einige der Zuckerbäcker kehrten in ihre Schweizer Dörfer und Seitentäler zurück, etwa nach Poschiavo, wo eine Reihe von weißen Villen entstand, die zeigten, dass ihre Bewohner womöglich einmal aus Armut ihre Heimat verlassen mussten, aber reich zurückkehrten. Im letzten Jahr ist hier ein Video entstanden, das Hefuna „Crossroads Poschiavo“ nannte und in dem sie als Zeichenträgerin mit großen Lettern am Kostüm auftritt.
Lange bevor Susan Hefuna von der Geschichte des Café Groppi wusste, noch, dass sie sich einmal in Chur niederlassen würde, installierte sie an dessen Fassade Fotos von Bauern aus dem Nildelta, wo die ägyptische Linie ihrer Familie Baumwolle anbaute. In Chur sind Fotos zu sehen, die etwa das Café Groppi zeigen oder die Künstlerin selbst auf den Pfoten einer Sphinx sitzend, dahinter erkennt man Londoner Wahrzeichen wie den Big Ben. Kreuzungen sind schließlich keine Einbahnstraßen. Auch in Chur findet sich der Orientalismus, am Treppenaufgang der Villa Planta wachen zwei Sphinxen – Jacques Ambrosius von Planta handelte mit ägyptischer Baumwolle. Heute führen die Stufen auf die Terrasse des Museumcafés. „Life in the Delta“ heißt eine im Jahr 2000 entstandene Videoarbeit, die in Hefunas Einzelausstellung im Bündner Kunstmuseum zu sehen ist. Die Kamera ist statisch auf dem Dach eines Hauses eingerichtet und fängt alles ein, was sich auf dieser dörflichen Kreuzung ereignet. Eine Schar Gänse kommt vorbei, zwei Frauen reden miteinander, mehrere Männer besprechen etwas miteinander.
Die Kreuzung ist ein Ort, der mehrere Stränge miteinander verbindet. Als abstraktes Muster, als grid, findet es sich in vielen von Hefunas Zeichnungen und in der Installation „Grid Drawing“, die aus unzähligen quaderförmigen Körben aus Palmholz besteht. Sie sind aufeinandergestapelt und da sie lediglich aus senkrechten und waagrechten Stäben konstruiert sind, Leichtgewichte. Obgleich sie auf lokalen Märkten Verwendung finden, hat die Installation etwas Urbanes, zumal sie eine Art Skyline als Schatten auf die Wand wirft. Grids finden sich auch auf den mehrlagigen Papierarbeiten, die in New York entstanden sind und Titel tragen wie „Homeless“ oder „I was once like you“. Hefuna hat die Lagen Papier mit einfachen Heftstichen verbunden. Das Raster spielt hier auch auf die Straßenzüge an, in denen die Obdachlosen leben, auf die sich die Serie bezieht. Und sie sind die ziemlich freie Lineatur für die Buchstaben, aus denen sich die Titel zusammensetzen und die durch ihre jeweilige Anordnung mehrdeutig werden. Ein paar Jahre zuvor griff sie mit den Maschrabiyya jene Fenstergitter aus der islamischen Architektur auf, die für Durchlüftung sorgen, aber auch als Barriere zwischen Innen und Außen dienen und je nach Perspektive Frauen Öffentlichkeit vorenthalten oder einräumen. Hefuna ließ sie auf traditionelle Weise drechseln, verstand sie aber auch als Bedeutungsträger. Verdichtungen im Muster setzen sich zu Buchstaben zusammen, die Wörter wie „Confession“ ergeben oder „Angst“. Hefunas Gitterstrukturen sind immer auch Knoten, an denen Informationen weitergereicht werden oder sich überhaupt erst einmal formieren. In Chur sind einige geschnitzte schwarze Masken zu sehen, die als Hommage an die Larven der alemannischen Fastnacht gelten können, aber ihre Ikonografie weiterführen, etwa indem sie wie in „Sleeping Moon“ verschiedene Mondphasen ineinander vereinen. Das sieht aus als ob zwei Halbmonde ein Gesicht wie eine Knospe umschließen oder als verkörpere die Maske eine Passage zwischen zwei Zuständen.



