Mariana Castillo Deball, Ella es la luna and she lights the darkness.
Neues Museum Nürnberg, Klarissenplatz, Nürnberg.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 30. August 2026.
www.nmn.de
Je älter ein Kunstwerk, desto mehr Expert:innen haben an ihm schon ihre Deutungshoheit behauptet, haben originelle oder provokante Ideen dazu entwickelt, es zu Staatskunst geadelt oder als brisanten Schund zensiert – bis am Ende manchmal eine dieser vertrackten archäologischen Erzählungen herauskommt, die das Interesse von Mariana Castillo Deball wecken. Die Künstlerin, 1975 in Mexiko geboren, hat ein Faible für Mythen, die die Wissenschaft auf ihrer Suche nach „Wahrheit“ hervorbringt. In so komplexen wie sinnlichen Installationen nimmt sie die Spur dieser Stillen Post der Kulturgeschichte auf und folgt ihr durch das Dickicht der Mutmaßungen und Missverständnisse bis zu ihren Ursprüngen.
Im Neuen Museum Nürnberg zeigt Deball derzeit Arbeiten aus den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten. Ausgangspunkt ihrer sehenswerten Soloschau ist – passend zum Ort – die erste europäische Karte der Atzekenhauptstadt Tenochtitlan. 1524 in Nürnberg als Druckgrafik veröffentlicht, entstand sie nach Vorlage der Karte, die der spanische Konquistador Hernán Cortés 1520 samt wortreichem Begleitbrief an Karl V. gesandt hatte, um dem König die kostspieligen Kolonialvorhaben in Mexiko schmackhaft zu machen. Von Nürnberg aus, dem damaligen Zentrum des Grafik- und Buchdrucks, fand Cortés’ Karte so ihren Weg in die Welt. Böse Ironie: Sie zeigte den letzten Zustand der Stadt, welche die Spanier bereits drei Jahre vor Drucklegung Haus für Haus zerstört hatten. Deball fräste den Stadtplan 2013 in Sperrholz und zeigte ihn seither als zusammenhängende Bodenarbeit.
In Nürnberg liegt er nun erstmals in einzelnen Fragmenten in den verglasten Fassadenräumen des Museums auf drei Etagen verteilt, vor der Sonne geschützt von einem riesigen Vorhang – bedruckt mit Deballs Sperrholzversion des Tenochtitlan-Plans. Die Druckstöcke dienen hier als Podeste für bunte Karnevalskostüme, die Deball im mexikanischen Yautepec anfertigen ließ. Die Menschen tragen sie dort bis heute bei ausgelassenen Tänzen zur Verhöhnung der einstigen Kolonialherrschaft.
Eine zweite zentrale Werkgruppe kreist um die berühmte, zwischen 1300 und 1500 entstandene Statue der Nahua-Gottheit Coatlicue. Die Spanier hatten sie kurz nach ihrer Invasion in Mexiko vergraben hatten, weil das gewaltsame Projekt der Christianisierung die Verehrung einer zweiten Gottheit nicht duldete. Als die Statue 1790 bei Bauarbeiten wiederentdeckt wurde, pilgerten neben den Gläubigen nun auch die Gelehrten an den Fundort. Es waren ihre Abgüsse, die Coatlicues Abbild schließlich in der ganzen Welt bekannt machten. Deball widmet ihr eine wandfüllende Fotografie, auf der sieben Personen Reproduktionen dieser Abgüsse in den Händen halten, bereit sie neu zu arrangieren.

