Maximiliane Baumgartner

Maximiliane Baumgartner, Das Sprechende Eck, 2023, Installationsansicht im Rahmen von „Ruhr Ding: Schlaf“, Courtesy the artist, Foto: © Henning Rogge 2023
Porträt
9. Juli 2024
Text: Dietrich Roeschmann

Maximiliane Baumgartner: Das Lokale ist nicht lokal.

Kunstverein Nürnberg,
Kressengartenstr. 2. Nürnberg.
Donnerstag bis Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. November 2024.

www.kunstvereinnuernberg.de

Maximiliane Baumgartner bei Max Mayer, Düsseldorf

Maximiliane Baumgartner, Vom einem Punkt aus der Vergangenheit einen Punkt aus der Gegenwart malen, Installationsansicht im Rahmen der Biennale für Freiburg 2 – Das Lied der Straße, Musikpavillon im Stadtgarten Freiburg, Foto: © Maximiliane Baumgartner
Maximiliane Baumgartner, Viele Vampire sind Vögel, Stadtgalerie Bern, 2019, Foto: © Maximiliane Baumgartner

Vor gut einem Jahr stand ein lindgrüner Pavillon auf der Wiese vor den Hochhäusern im Essener Stadtteil Steele. Zusammengesetzt aus flexiblen Wandmodulen, diente er zugleich als offenes Atelier und als Display für ein Projekt, das die Düsseldorfer Künstlerin Maximiliane Baumgartner (*1986) hier mit Kindern und Jugendlichen unter dem Titel „Das Sprechende Eck“ realisiert hatte. Baumgartner, die seit 2023 eine Vertretungsprofessur an der Düsseldorfer Kunstakademie hat, ist bekannt für ihre partizipativen Arbeiten, die sich zwischen künstlerischer Forschung, Kunstpädagogik, Institutionskritik und Fragen der Erinnerung und des Vergessens bewegen. In Essen konnten die Kinder und Jugendlichen ihren Pavillon für eigene Ideen nutzen. Darüber hinaus aber nahmen sie auch gemeinsam mit Baumgartner Aufträge aus der Nachbarschaft an. Diese reichten von Anfragen zur Schaufenstergestaltung über das Basteln von Theaterrequisiten bis hin zu einer vom Stadtarchiv Essen initiierten Recherche über ein Fotostudio, das hier um 1900 – nur wenige Häuser entfernt – von der Fotografin Paula Zorn betrieben wurde. Die Kinder näherten sich dieser Geschichte spielerisch an, zeichneten, malten, entwarfen Plakate und spürten so unter anderem auch dem emanzipatorischen Potenzial nach, das die Fotografie für Frauen um die Jahrhundertwende hatte.

Das gemeinsame Freilegen solcher verblassten Erzählungen ist Maximiliane Baumgartner in ihren Arbeiten ebenso wichtig wie die Untersuchung der gesellschaftlichen, institutionellen oder städtebaulichen Strukturen, die dieses Verblassen begünstigen oder verhindern. Was sie umtreibt, ist die Frage, „inwieweit Künstler:innen Verantwortung für die visuelle Gestaltung des öffentlichen Raumes nehmen sollten und Kunst als eine Sprache des Öffentlichen fungiert“. Das Projekt „Mit der Schubkarre“, das sie 2023 für die Biennale für Freiburg realisierte, war exemplarisch für dieses Interesse an der Stadt als Resonanzraum verschütteter Erinnerungen und ihrer Reaktivierung. Im Zentrum der Arbeit stand ein Akt der Selbstermächtigung, mit dem die von den Nazis verfemte Freiburger Bildhauerin Eva Eisenlohr (1891-1977) in den 1970er Jahren ungefragt eine ihrer Skulpturen im öffentlichen Raum platziert hatte. In einer performativen Aktion lud Baumgartner das Publikum ein, gemeinsam mit ihr den Weg von Eisenlohrs Atelier bis zum Alten Friedhof zu gehen, auf dem die Bildhauerin ihre Skulptur damals mit der Schubkarre quer durch die Stadt transportiert hatte. Ausgehend von der NS-Akte zu Eisenlohrs als „entartet“ beschlagnahmten Bildern entwickelte Baumgartner zudem eine Wandzeitung im Kunstverein Freiburg, eine mobile Flugblattwerkstatt und eine Malereiinstallation für den Musikpavillon im Stadtgarten.

Auch ihr jüngstes Projekt, das sie im Nürnberger Kunstverein zeigt, spürt solchen Leerstellen der Geschichte im kollektiven Gedächtnis und im öffentlichen Raum nach – nicht um sie zu schließen, sondern um sie sichtbar zu machen und als künstlerische Aktionsräume zu nutzen. Im Rahmen des Marianne-Defet-Malerei-Stipendiums setzte sich Baumgartner im vergangenen Herbst intensiv mit der Nürnberger Malerin Dore Meyer-Vax (1908-1980) und ihren Wandmalereien für Schulen, Frauenhäuser, Kindergärten oder den Tierpark auseinander. Wie Eisenlohr gehörte Meyer-Vax zu den kunstschaffenden Frauen der „verlorenen Generation“, die als erste an Kunstakademien studieren durften, danach oft überregional arbeiteten, bis der Nationalsozialismus ihre Karrieren jäh unterbrach und sie im Kunstdiskurs der Nachkriegszeit plötzlich nicht mehr vorkamen. In den zeichnerischen und malerischen Serien ihres jüngsten Projekts „Das Lokale ist nicht lokal“ umkreist Baumgartner den demokratischen Ansatz der Malerei von Meyer-Vax und ihr Beharren auf Sichtbarkeit und Solidarität in einem Umfeld der Ignoranz. „Durch Bilder auf Bilder blicken“, nennt Baumgartner dieses kritische Verfahren der Kunstbetrachtung als künstlerische und als feministische Praxis. Verbunden damit ist immer die Einladung, gemeinsam die Logik des Vergessens zu unterlaufen.