Landpartie, Teil 2

Landpartie Mahola Wittmer
Mahtola Wittmer, AMOUR / Delphine Renault, Monument, beide 2026, Courtesy the artists, Foto: Prune Simon-Vermot & Emilie Pellissier
Landpartie
17. Juli 2026
Text: Redaktion

Art Môtiers 2026, Val-de-Travers.
Dienstag bis Sonntag 9.15 bis 18.00 Uhr.
Bis 20. September 2026.
artmotiers.ch

Gil Pellaton
Abbatiale de Bellelay, Saiscourt.
Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 16. August 2026.
www.abbatialebellelay.ch

Eva Rosenstiel, Vom Himmel im Atelier.
Kloster Museum St. Märgen, Rathausplatz 1, St. Märgen.
Sonntag 10.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 15. November 2026.
www.kloster-museum.de

Beaux Losanges, Tschiertschen.
Bis 25. Oktober 2026.
luciano-fasciati.ch

Una Passegiata Italiana.
Museum Art.plus, Museumsweg 1, Donaueschingen.
Freiburg bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 7. März 2027.
museum-art-plus.com

Mechanical Forests.
Kunstverein Global Forest, am Marktplatz. St. Georgen.
Bis Oktober 2026.
global-forest.com

Landparie Gil Pellaton
Gil Pellaton, Galop gallop galopp, 2026, © Gil Pellaton, 2026

Art Môtiers 2026, Val-de-Travers
Auch wenn Val-de-Travers einst zu den Zentren der Uhrenindustrie im Neuenburger Jura gehörte, möchte man sich hier bis heute nicht ins Zeitkorsett spannen lassen. Prominentes Beispiel: Das Kunstfestival Art Môtiers. Laut Veranstaltenden findet es seit 1985 „alle 4 bis 8 Jahre“ statt. Manchmal dauert es eben länger, manchmal kürzer, diesen entspannten Parcours durch das 1000-jährige Dorf Môtiers und seine unfassbar idyllische Umgebung zu legen. Ein Thema gibt es nicht, dafür eine hochkarätig besetzte Jury, die in diesem Jahr 40 Künstler:innen eingeladen hat, ihren Lieblingsort zu bespielen. Augustin Rebetez etwa entlässt schräge Keramikfiguren, die einem Absinth-Traum entsprungen sein könnten, in den Wald, während Mahtola Wittmer mit wenig mehr als ein paar Bögen Papier und einem Luftgewehr einen Schießstand zum Mahnmal für Opfer häuslicher Gewalt verwandelt. Auch die Patron:innen der Art Môtiers 2026 sind dabei: Olaf Breuning mit einer poetischen Skulptur über die Winzigkeit der Menschheit und Pipilotti Rist mit der Nebelblasen-Maschine, die sie 1999 an der Venedig-Biennale zeigte.

Gil Pellaton, Abbatiale de Bellelay
Für seine neuen Arbeiten über den Schmetterling als schillernden Star der Metamorphose, über die Vergänglichkeit der Schönheit, für die er steht, und über seinen Flügelschlag, der ungeahnte Wirksamkeit entfalten können soll, hätte sich Gil Pellaton kaum einen besseren Ort aussuchen  können, als die ehemalige Klosterkirche der Abbatiale de Bellelay. Das Gotteshaus ist seit 1797 entweiht, zwischenzeitlich war hier ein Stall untergebracht, dann ein Lager, eine Brauerei, die Abteilung für psychische Gesundheit der Klinik Jura Bernois, seit den 1960er Jahren finden regelmäßig auch Ausstellungen statt. Der Ort ist also ständig in Bewegung. Pellaton zeigt hier drei Ins­­tal­lationen und eine Reihe von Zeichnungen, entworfen von Bo Butterfly, einer fiktiven Figur, die sich dem Fabulieren verschrieben hat und der bewussten Ko­existenz mit allen Lebensformen und Zuständen.

Eva Rosenstiel, St. Märgen
Vor zehn Jahren bezog die Freiburger Künstlerin Eva Rosenstiel das Atelier von Peter Dreher (1932-2020), bei dem sie ab Mitte der 1970er Jahre an der Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe Malerei studiert hatte. 2022 setzte sie sich in ihrem Projekt „Elfenbeinturm“ dann intensiv mit dem Atelier als gegenständlichem, spirituellem und intellektuellem Rückzugsort für die Entstehungsbedingungen von Kunst auseinander. Sie tat dies anhand von Spuren, die sie in den Räumen fand – eine gebrauchte Palette, Notizen an Regalen, eine Dreher-Skizze des kompletten Interieurs –, aber auch anhand der Aussicht oder des Lichts, das durch das Atelierfenster schien und in den Bildern weiterleuchtet, die hier entstanden. Das Klostermuseum St. Märgen, nur einen Steinwurf von ihrem Atelier entfernt, widmet Rosenstiel derzeit eine konzentrierte Soloschau. roe

Beaux Losanges, Tschiertschen
Tschiertschen ist ein Dorf mit 200 Einwohnern, das seit 2020 eine eigene Kunstbiennale hat. Mit der vierten Ausgabe geht das kleine Festival jetzt erstmals auch aus geschlossenen Räumen an die frische Luft. Rund um den Hügel Büel, der einen schönen Ausblick auf das Haufendorf, den Hausberg Gürgaletsch und die umliegenden Gipfel bietet, versammelt Kurator Luciano Fasciati ortsspezifische Arbeiten von acht Künstler:innen und Küns­tler:innen-Duos, darunter ein von Weitem sichtbares Flachsfeld in Rautenform von Andrea Vogel, die skulpturale Rückübersetzung eines bei Google Earth fehlerhaft dargestellten Baumes in die analoge Wirklichkeit von frölicher | bietenhalder sowie die Hanf-Fahne des „Reality Hackers“ Peter Regli, die nun am offiziellen Mast auf dem Büel über dem Dorf weht und an die Tradition des Hanfanbaus im Tal erinnert.          

Una Passegiata Italiana, Museum Art.plus Donaueschingen
Der Weg zum Museum Art.plus führt im Schatten entlang der Brigach, die ein paar Meter weiter mit der Breg zur Donau zusammenfließt. Der ambitioniert modernisierte Museumsbau von 1841 war schon Kaserne, dann Kurhaus, später Lichtspielhaus. Aktuell läuft hier ein Kopfkino der besonderen Art: die Gruppenschau ist als imaginäre Reise durch die Kunstlandschaft Italiens konzipiert. Das älteste Stück – im Sinne eines stark erweiterten Kunstbegriffs – ist ein roter Alfa Romeo Giuletta Spider von 1960, umringt von Arbeiten von Piero Pizzi Cannella, Rosso Pozzuoli, Marcello Morandini, Marzia Migliora und anderen. Nicht fehlen darf hier natürlich Stefan Rohrers formal in den Raum getunte Vespa-Skulptur, sehenswert ist auch die jüngste Arbeit der Schau: Bodo Korsigs KI-generierter audiovisueller Dialog mit dem römischen Kaiser Marc Aurel.

Mechanical Forests, Kunstverein Global Forest St. Georgen
Wenn etwas alt ist, denken wir gerne in Kategorien der Archäologie – und wenn etwas wirklich alt ist, in den großen Zeiteinheiten der Erdgeschichte. An diesem Übergang zwischen Kulturgeschichte und Historischer Geologie hat Yann Leguay seine Skulpturenserie „Hardware“ angesiedelt. Dafür bildete der Belgier digitale Alltagsgeräte wie iPhone, CD-Player oder Audio-Player in Stein nach, die er nun als Hybride zwischen Monument und Fossil technologischer Entwicklung im Dialogfenster am Marktplatz St. Georgen ausstellt. „Hardware“ kreist um die Verwandlung von digitalen Zeichen in analoge Relikte und Fetische. Die Arbeit entstand im Rahmen des artist-in-residency-Projekts „Mechanical Forests“, das der Kunstverein Global Forest mit den Donaueschinger Musiktagen und dem Festival Musica in Strasbourg ausgeschrieben hat.