Elektronischer Streichelzoo: auf Berührung schnurren

Streichelzoo ZKM
Booboo mit Drachenkappe, Courtesy ZKM, Karlsruhe, Foto: Andy Koch
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13. März 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Elekronischer Streichelzoo.
ZKM, Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. August 2026.
www.zkm.de

Das kleine Fellknäuel windet sich behaglich vibrierend auf der Hand. Zwar fühlen sich die Haare ein bisschen synthetisch an, aber die kleine Irritation ist schnell vergessen, wenn die Hand weiter krault und sich das Booboo weiter räkelt und der Blick durch das Foyer des ZKM Karlsruhe schweift, wo drei Kinder und acht Erwachsene in einer flauschigen Kissenlandschaft mit Booboos in unterschiedlichen Farben im Arm in unregelmäßigen Abständen aufjauchzen. „Er hat gequieckt, wie süß!“ „Er“ heißt Momo oder Gigi oder Lola und ist eigentlich non-binär, wie die Aufsicht beiläufig bemerkt. Das leuchtet ein. Denn streng genommen sind die Booboos, die den „Elektronischen Streichelzoo“ bevölkern, nur Dinge, die es darauf anlegen, ihre banale Dinghaftigkeit hinter einer Camouflage von Fellmustern, zufriedenen Schnurrlauten und Bewegungen, die sich im weitesten Sinn mit Wohlbefinden assoziieren lassen, zu verbergen. Jedes Booboo ist so groß wie ein Meerschweinchen, mit rundem Kopf und weit auseinander liegenden Augen. Manche tragen einen Schal, andere Hasenohren oder eine Drachenmütze, das perfekte Kawaii-Outfit. Sechs Sensoren an Nacken, Stirn, Hals und Bauch reagieren auf Berührung, wenn der Akku geladen ist, ein Mikrofon auf Geräusch. Zur Demonstration klatscht eine der Aufsichten in die Hände. Ein paar Booboos, die gerade nicht in Händen schnurren, wachen in einem Regal aus ihrem Stand-by-Modus auf und heben verschlafen ihre Köpfchen. So cute!

Im ZKM sind die Booboos auf Einladung des HertzLab zu Gast, das zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft die Bedingungen einer lebenswerten Zukunft erforscht. Für Tina Lorenz, Leiterin des HertzLab, sind die Flauschroboter ein gutes Werkzeug, um Kinder an einen kompetenten Umgang mit lebendig wirkenden Dingen und damit auch an Künstliche Intelligenz heranzuführen. „Je mehr die Maschinen soziale Kontakte ersetzen, desto problematischer werden sie für uns Menschen“, sagt Lorenz. Angesichts der rasanten Entwicklung interaktiver Technologien sei es deshalb wichtig, differenzieren zu können: „Lebt es oder tut es nur so?“

Das Setting des Streichelzoos ist klug gewählt für diese Erfahrung. Natürlich können die vibrierenden Fellknäuel mit der Dankbarkeit der Kinder rechnen, die sie kosen und dafür ein Schnurren bekommen. Und auch Erwachsene übersehen gerne das limitierte gestische Vokabular der Kuschelroboter. Es zu bemerken hieße, sich bewusst darüber zu werden, dass es hier keine Kommunikation gibt, keine Beziehung, sondern die einsame Berührung eines Dings, das im Museumsshop des ZKM für knapp 300 Euro zu haben ist, hergestellt vom chinesischen Konzern Genmoor aus Hangzhou, der auf seiner Website wirbt: „Booboo is not just a toy. It is also the king of the planet Lonely“. Faszination und Entzauberung, Emotion und Reflexion liegen im ZKM-Streichelzoo eng beieinander. So läuft nicht zufällig am Ausgang des Geheges auf einem Display die Autopsie eines Booboos als Diashow. Was am Ende übrig bleibt, ist ein Fetzen Kunstpelz und ein Haufen Kabel, Schrauben, Platinen, der weder Schmerz, Hunger noch sich selbst kennt. Was keineswegs die therapeutische Wirkung leugnet, die die Booboos angeblich den Katzen abgeschaut haben. So gesehen ist es durchaus plausibel, dass die Fellroboter im HertzLab längst auch als Versuchstiere für die Mental-Health-Forschung eingesetzt werden.