Gülbin Ünlü: really?
Zentrum für Gegenwartskunst, Beim Glaspalast 1, Augsburg.
Bis 2. November 2025.
kunstsammlungen-museen.augsburg.de
Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, München.
Bis 22. Februar 2026.
www.hausderkunst.de
Kunstverein Wilhelmshöhe, Schöllbronner Str. 86, Ettlingen.
20. September bis 2. November 2025.
www.kunstverein-wilhelmshoehe.de
Was ist das für ein gelbes, rundes Ding, das man auf dem Bild „Annäherung an die Experience“ von Gülbin Ünlü im Hintergrund sieht? Vielleicht ein Raumschiff, das da irgendwo im Gebirge landet? Und was sind das für Figuren auf dem Gemälde „Archivierte Visions“? Zwei Astronauten oder Roboter? Auch auf Werken wie „no.w.here“ und „Objektkonstanz“ sieht man mysteriöse Gestalten. Allesamt könnten diese Bilder Illustrationen zu einer Science-Fiction-oder Fantasy-Erzählung sein. Sci-Fi gehört tatsächlich auch zu Ünlüs Einflüssen. Genauso wie Fotos, Magazin- und Medienbilder, Ergebnisse von Recherchen, eigene Erfahrungen und immer wieder Bruchstücke aus ihrer Biografie. Zu sehen sind die Bilder von Gülbin Ünlü derzeit in der Ausstellung „really?“ im Zentrum für Gegenwartskunst in Augsburg. Anlass dafür ist der Zeitsicht Art Award 2024, den die Münchnerin Ende Juli erhielt. Dieser in der Region sehr wichtige, privat gestiftete Preis wird seit mehr als 20 Jahren in der Fuggerstadt verliehen. Für Ünlü ist es nicht der erste Preis. Sie hat 2022 den Förderpreis der Landeshauptstadt München bekommen. Im Jahr 2023 erhielt sie das Stipendium der Stiftung Kunstfonds und den Bayerischen Kunstförderpreis. Außerdem hatte die Absolventin der Münchner Kunstakademie eine Ausstellung in der Villa Stuck, und noch bis Februar 2026 läuft im Haus der Kunst ihre Ausstellung „Nostralgia“.
Es läuft also ganz gut für die in München geborene Künstlerin, die dort derzeit zu den spannendsten Newcomern zählt. Wobei Newcomerin nicht stimmt. Denn als Künstlerin ist Ünlü schon lange unterwegs. Nur war das zunächst mehr im Nachtleben, als DJ, Musikerin oder Veranstalterin, wie sie vor ein paar Wochen bei einem Gespräch in der Villa Stuck verriet. „Das hatte aber nicht diese Sichtbarkeit wie jetzt.“ Diese galt es sich erst mal zu erkämpfen. Als Künstlerin aus der Arbeiterklasse. Als Kind einer Gastarbeiterfamilie der dritten Generation, in der bereits die „Mutter gemalt“, der Onkel „Siebdruck gemacht“ hatte. Wo aber klar war: Das ist Freizeit. Dass sie mal an einer Kunstakademie landen würde, habe sie als Kind niemals gedacht.
Auch heute noch empfinde sie die Kunstwelt als „geschlossenes System“. In dem man die „Infrastruktur“ einer Akademie, ein „Netzwerk“ unbedingt brauche, um weiterzukommen. Insofern scheint es fast konsequent, dass sie sich in ihrer Ausstellung im Haus der Kunst mit geschlossenen Türen beschäftigt. Da spielt zwar auch wieder die Science-Fiction mit der „Idee der Portale“ hinein. Aber es geht eben auch um sichtbare und unsichtbare Schwellen. Ansonsten stößt man auch hier wie zuvor in der Villa Stuck auf Ünlüs besondere Technik, für die sie fragmentarisch flüssige Tinte auf vorbereitete Leinwand druckt, um die dadurch entstehenden Flächen in einer Nass-in-nass-Technik zu vermalen.
Auch sonst bringt Ünlü in ihrer Mash-up-Kunst verschiedenste Dinge zusammen, wandelt künstlerisch und biografisch zwischen den Welten. Wobei sie ihre postmigrantische Biografie nie ausstellt, sondern allenfalls kritisch in Stellung bringt. Wie etwa bei ihrer Taubenschlag-Installation „Streetlife live“, für die sie für ein paar Stunden echte Tauben in der Villa Stuck „wohnen“ ließ. Deren vormalige Anwesenheit konnte man per Video und Sound noch sehen und hören. Im Nebenraum hatte sie Taubenspikes auf einer Bank angebracht. Als Anspielung auf die „Hostile Architecture“. Grundlegend war für beides ihre Erkenntnis, dass Tauben genauso wie die Gastarbeiter früher mal nützlich und irgendwann nur noch als störend galten. Diesen postmigrantischen Außenseiterblick, den wird man, sagt sie, eigentlich nie los. Für ihre Kunst ist er aber ohne Frage eine Bereicherung.





