Lily Greenham, An Art of Living: Nichts als Worte, Silben und Buchstaben

Lily Greenham
Still einer Performance von Lily Greenham und Hugh Davies, undatiert, Foto: Roel Visser, Courtesy Lily Greenham Archive, Goldsmiths, University of London
Preview > Karlsruhe > Badischer Kunstverein
29. April 2024
Text: Carmela Thiele

Lily Greenham: An Art of Living.
Badischer Kunstverein, Waldstr. 3, Karlsruhe.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 26. Mai 2024.
www.badischer-kunstverein.de

Am 3. und 4. Mai 2024 findet das Symposium zum Werk von Lily Grenham „Turn in to Reality“ statt.

https://www.badischer-kunstverein.de/index.php?Direction=Programm&Detail=1004

Lily Greenham
Lily Greenham, Konkret bewegen, 1972, Foto: Badischer Kunstverein, Courtesy Lily Greenham Archive, Goldsmiths, University of London
Lily Greenham
Lily Greenham, An Art of Living, Schreibmaschinengeschriebener Aphorismus, undatiert, Foto: Badischer Kunstverein, Courtesy Lily Greenham Archive, Goldsmiths, University of London
Lily Greenham
Lily Greenham, An Art of Living, Ausstellungsansicht Badischer Kunstverein, Karlsruhe, 2024, Foto: Badischer Kunstverein, Courtesy Lily Greenham Archive, Goldsmiths, University of London

Lily Greenham hielt Distanz zum Mainstream, setzte aber dennoch als Künstlerin bewusst auf Kommunikation. Ihre Aphorismen, die sie mit der Maschine auf bunte, quadratische Karten schrieb, verschenkte sie. Auf einer stand zu lesen: „fixed ideas thwart understanding”, also „festgefahrene Ideen arbeiten der Einsicht entgehen“. In der Ausstellung „Lily Greenham: An Art of Living“ im Badischen Kunstverein liegen solche Karten zum Mitnehmen bereit. Der 2001 in London verstorbenen Künstlerin hätte das gefallen.

Der Name Lily Greenham tauchte bislang eher im Zusammenhang mit der Malerei der Konkreten Kunst auf, die aber nur eine Phase ihres Werks ausmachte. Die 1924 in Wien als Tochter polnisch-jüdischer Eltern geborene Sound-Poetin bewegte sich zeit ihres Lebens in unterschiedlichen Avantgarde-Szenen. Ihr Ziel war es, Grenzen und Konventionen aufzuspüren und zu überwinden und daraus Funken zu schlagen. Eben darin liegt die Aktualität ihres nun wiederentdeckten, über weite Strecken immateriellen Werks. Zahllose Programme, Ankündigungen und Studiorechnungen, Notate und Skripte, Ausweispapiere und private Korres­pondenz geben neben den Sound-Einspielungen Einblick in ihre Arbeit und ihr Leben. Darunter ist eine private Fotografie, die das Kind Lily auf den Knien ihres Vaters zeigt. Er starb 1944 in einem jüdischen Ghetto in Shanghai. Lily Greenhams Mutter Rena Pfiffer-Lax, eine erfolgreiche Sopranistin, die mit ihrem zweiten Mann in Kopenhagen lebte, war im Jahr zuvor erschossen worden. Lily befand sich damals bereits in Dänemark, wo sie von ihrer Mutter ihren ersten Gesangsunterricht erhielt. Sie war allein über Berlin ins Ausland geflohen. Das war nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938. Die junge Frau schaute nicht zurück. Sie zog nach Paris und studierte Kunst. 1951 heiratete sie den Perkussionisten und Dichter Peter Greenham, mit dem sie gemeinsam nach Wien zurückkehrte, wo er sich der Wiener Gruppe anschloss. Sie hingegen wurde zur Stimme der Wiener Lautpoeten. Im Kunstverein erklingt aus dem Off ihr Vortrag von Gerhard Rühms Gedicht „Gebet“, das aus Buchstaben und Silben besteht. Doch begnügte sich Greenham nicht mit der Interpretation der Werke anderer. 

Die Wiederentdeckung Lily Greenhams ist zwei britischen Künstlern zu verdanken, dem Komponisten James Bulley und dem Typografen und Schriftsteller Andrew Walsh-Lister. Als sie starb, bewahrte einer ihrer Musiker-Freunde ihren Nachlass auf. Heute befindet er sich im Künstlerarchiv des Goldsmiths, eine der Londoner Universität angegliederte Kunsthochschule. Bulleys und Walsh-Listers in Kooperation mit dem Badischen Kunstverein anlässlich des 100. Geburtstags der Künstlerin realisierte Retrospektive ist die erste weltweit. Von der Decke des in pinkes Licht getauchten großen Saals hängen in unterschiedlicher Höhe Lautsprecher, die Greenhams räumlich gedachte Klanglandschaften erlebbar machen. Anders als so manches elaborierte Free-Jazz-Stück, spricht Greenhams experimentelle Musik die Hörer unmittelbar an. Denn ihre „Lingual Music“ baute auf Klängen menschlicher Sprache auf, die sie elektronisch verarbeitete. Sie bezeichnete diese Produktionen als „elektro-akustische Kompositionen“, deren wichtigste Bestandteile Elemente gesprochener Sprache seien, die zu Musik würden. Ihr Forscherdrang blieb über die Jahrzehnte ungebrochen. Greenham arbeitete mit Videokünstlern wie Irm und Ed Sommer zusammen und trat mit dem Jazz-Saxophonisten John Tchicai auf. In den 1980er Jahren experimentierte sie mit einem Home Computer, um Grafiken aus Buchstaben und Satzzeichen herzustellen, die sie zerschnitt und zu Collagen zusammenklebte. Sie sei „selftaught“, schrieb sie einmal, habe sich ihre Kenntnisse und Strategien selbst angeeignet. Vielleicht wurde sie gerade deshalb zur Pionierin der Sound Art und der elektronischen Musik. Standfestigkeit, Flexibilität und Offenheit hatte sie früh gelernt. Ihre Übergänge von einem Medium ins andere verhinderte ein klares Profil, was aber ganz im Sinne der Künstlerin war. Greenham bezeichnete sich als Außenseiterin, aber im positiven Sinn. „Ist es notwendig, außerhalb zu stehen, um etwas zu begreifen?“, notierte sie einmal. Es war eine rhetorische Frage.