Utopie Heimat: Zwischen Verlust, Enge und Sehnsucht

Utopie Heimat
Ina Wudtke, Der 360.000-Euro-Blick, 2014, Courtesy the artist
Review > Villingen-Schwenningen > Städtische Galerie Villingen-Schwenningen
16. November 2022
Text: Annette Hoffmann

Utopie Heimat.
Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, Friedrich-Ebert-Str. 35, Villingen-Schwenningen.
Dienstag bis Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 13.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 20. Novenmber 2022.
www.villingen-schwenningen.de

Utopie Heimat
Ferhat Ayne, woanders (Mehmet E. im Alttanner Wald), 2013, Courtesy the artist
Utopie Heimat
Ming Wong, Life of Imitation, 2009, Videostill, Courtesy the artist

Man hat noch die Türklinke in der Hand und steht doch schon mitten in der Ausstellung. Es ist kein Missgeschick. Havin Al-Sindy legt es darauf an, dass jede Besucherin, jeder Besucher erst einmal heimatlichen Boden unter den Füßen hat. Es fühlt sich trocken an, irgendwie wie Lehm. Und eigentlich sollte hier noch Kresse wachsen. Doch was auf jedem Küchenbrett gedeiht, ist im Eingangsbereich der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen eingegangen. Man sollte es nicht allzu symbolisch nehmen, wohl aber, dass Al-Sindy die Erde einfliegen ließ. Sie stammt aus dem kurdischen Autonomiegebiet im Irak, in dem sie ihre ersten Lebensjahre verbracht hat. Es gibt Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen und versuchen, woanders Fuß zu fassen. Zwischen dem Verlust, der Enge und der Sehnsucht bewegt sich die Ausstellung „Utopie Heimat“.

Havin Al-Sindy (*1987), die an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert hat, geht es nicht allein um die konkrete Heimat. Die Schule und die Ausbildung haben sie von ihrer kulturellen und familiären Herkunft entfernt. Ihre anderen Arbeiten in der Ausstellung befassen sich mit der Zubereitung von Essen, was die meisten Menschen mit Erfahrungen von Fürsorge und Geborgenheit verbinden werden. Von der Decke hängen mehrere Tongefäße, die für die Käsefermentierung benutzt werden und die mit Erde verschlossen sind, ein paar Krumen haben sich gelöst und weiter im Raum ist ein Ofen angedeutet, in dem man das traditionelle Fladenbrot backt. Es ist zu einem Stapel aufgetürmt. Videos zeigen die Künstlerin mit ihrer Mutter, wie sie den Teig möglichst hauchdünn ausrollt. Brot und Käse gehören zu jenen Lebensmitteln, die im Westen kaum jemand selbst macht, für Al-Sindys Mutter ist ihre Herstellung ein Stück Heimat.

Die Ausstellung formuliert meist einen Heimatbegriff, der sich längst vom Boden gelöst hat. Der tote Hirsch von Heinrich Johann von Zügel (1850-1941) aus der Sammlung ist eher ein ironischer Verweis. Manchmal bezieht er sich noch auf das Staatsgebiet wie etwa Nasan Tur (*1974) mit „Germany“. Tur hatte die Drehorgel mit Bauernmalerei und dem Lochband einer stark verzerrten Deutschlandhymne für das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück geschaffen. Angesichts des Schicksals des Malers, der wegen seiner jüdischen Herkunft erst verschleppt und dann in Auschwitz umgebracht wurde, klingt das sehr beklemmend. Bei Christian Jankowskis Video „Welcome Home“ ist Heimat eine nostalgische Wehmut geworden. Kurz bevor Jankowski (*1968) aus den USA nach Deutschland zurückkehren sollte, nahm er Songs auf, die von der Erfahrung der Zugehörigkeit erzählen. „Take me home, country roads“ ist leise aus dem Kamingeknister verbrennenden Holzes zu hören. Es ist der Künstler selbst, der den John Denver-Hit summt.

„Utopie Heimat“ beschreibt vor allem Bewegungen, die sich von diesem Sehnsuchtsort entfernen. Kerstin Drechsel (*1966) hat auf mehreren Tapeziertischen nicht nur die Spuren eines gemeinsamen Essens wie Abdrücke von Gläsern und Flaschen dokumentiert, sondern auch die Aussagen, die ihre Gäste über ihre Mütter gemacht haben. Die Sätze berichten von gleichermaßen engen wie beklemmenden Verhältnissen, in denen Mütter ihre Töchter nicht loslassen wollen: sie bis zum zehnten Lebensjahr füttern, ihre Periode kontrollieren oder sich abfällig über die Väter äußern. Im Video von Ming Wong (*1971) „Life of Imitation“ wird der Titel des Films „Imitation of Life“ von Douglas Sirk mit Bedacht verkehrt. Die Filmszene, in der eine afroamerikanische Mutter ihre hellhäutige Tochter besucht und sich von ihr verabschiedet, weil sie ihr nicht den Lebenstraum, als weiß behandelt zu werden, zerstören will, hat Wong zwei Mal nachgestellt. Die Rollen werden jetzt von den drei häufigsten Ethnien Singapurs, der Heimat des Künstlers, repräsentiert und von Männern. Und vielleicht liegt in dieser Adaption mit all ihren Reibungen und Unzulänglichkeiten, ihrem Pathos und ihrer Ernsthaftigkeit ja durchaus ein Modell, Heimat neu zu verstehen und zu leben. Denn sie klebt an uns wie Lehm an den Schuhen.