Margaret und Christine Wertheim: Wert und Wandel der Korallen. Wie unter Wasser

Korallen
Margaret & Christine Wertheim und das Institute For Figuring, Baden-Baden Satellite Reef, 2021, Detail, Courtesy the artists
Review > Baden-Baden > Museum Frieder Burda
4. April 2022
Text: Annette Hoffmann

Margaret und Christine Wertheim, Wert und Wandel der Korallen.

Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. Juni 2022.
www.museum-frieder-burda.de

Es ist eine schöne Koinzidenz, dass sich die Aquarien-Mode des 19. Jahrhunderts vor allem unter Frauen verbreitete. Denn ein bisschen fühlt man sich derzeit im Museum Frieder Burda wie unter Wasser. Initiiert von Margaret und Christine Wertheim (*1958) haben wiederum überwiegend Frauen die Räume des Museums mit einer Korallenwelt aus Garn bestückt. Manche dieser Spezies sind in Glasbehälter gesetzt, andere auf Sockel und ganze Kolonien breiten sich auf Podesten aus. Im viktorianischen England verband sich ein Interesse an der Natur – und was läge auf der Insel näher als die Meereswelt – mit der Dekoration des bürgerlichen Heimes. Meeresanemonen waren attraktive Bewohner der Aquarien, die dann außer Mode gerieten als große öffentliche Institutionen entstanden, 1853 wird das erste Fish House in London eröffnet. Der Einzug der Nesseltiere in die künstlichen Wasserwelten ging einher mit Tapeten, auf die Quallen und Anemonen gedruckt waren, zuvor waren populäre Naturgeschichten wie die von Philip Henry Gosse erschienen, der auch den Begriff des Aquariums prägte. Gut möglich, dass unter der Wasseroberfläche alles freier und weniger zugeknöpft war als in der viktorianischen Gesellschaft.

Obgleich dies nicht das Thema von Margaret und Christine Wertheim ist, fällt die erotische Schönheit der Tentakel, Ein- und Ausstülpungen ins Auge. Den Schwestern und Gründerinnen des Institute for Figuring geht es um die Bedrohung der Riffe weltweit, die ein komplexes Ökosystem darstellen. Natürlich wird kein Korallenriff dadurch gerettet, dass man es nachhäkelt. Aber die Wertschätzung dieser Lebenswelt und das Bedürfnis sie zu schützen, spricht aus vielen der Briefe der Freiwilligen, die im Museum Burda mitausgestellt sind. Wer die Formenvielfalt dieser Tiere nachahmt, sich überlegt, welche Technik sich dafür eignet, geht sensibler mit den Themen Umweltverschmutzung und Klimawandel um. Ihre Zusammenarbeit spiegelt das Ökosystem des Riffs. Manche der Handarbeiterinnen haben Plastikschnüre und anderen Müll verarbeitet, doch natürlich ist das „Crochet Coral Reef“ auch eine Materialschlacht. Im Museum Burda wird das kollektive Kunstprojekt in einem der oberen Räume  auf eine wissenschaftliche Betrachtungsweise zurückgeführt, in der sich Naturkunde und Ästhetik noch verbindet. Ernst Haeckel legt seinen „Kunstformen der Natur“ die Symmetrie zugrunde. Doch neben einigen Seiten aus Haeckels Buch sind die filigranen Glasmodelle von Leopold und Rudolf Blaschka eine wirkliche Entdeckung. In der traditionellen Technik Böhmens machten sie Objekte für Museen und Sammler, die heute Wissenschaftsgeschichte sind, früher Lehrobjekte waren, da sich die Korallen noch nicht konservieren ließen. Diese Probleme haben die Häkelobjekte nicht, zudem sind sie für ihre Macherinnen und das Publikum ein soziales Ereignis.