Mindbombs: Das Bild als Kick des Terrors

Gerhard Richter, September, 2009, © Gerhard Richter Archiv
Review > Mannheim > Kunsthalle Mannheim
16. November 2021
Text: Christel Heybrock

Mindbombs.
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Mannheim.
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 24. April 2022.
www.kuma.art
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Kerber Verlag, Bielefeld 2021, 272 S., 38 Euro | ca. 46.90 Franken.

Johan Grimonprez, dial H-I-S-T-O-R-Y, Videostill, 2003, Sammlung Kunsthalle Mannheim
Christoph Draeger, Das Versprechen, 2003-2021, Courtesy the artist, © Christoph Draeger, Foto: Christoph Draeger

Themen-Ausstellungen allerorten, nicht nur in der Mannheimer Kunsthalle, die unter der Regie von Johan Holten seit einiger Zeit ebenfalls diesen Kurs fährt. Kurator Sebastian Baden sticht mit der aktuellen Schau in ein Wespennest der modernen Gesellschaft: terroristische Gewalt und wie Kunst und Medien damit umgehen. Der Begriff „Mindbombs“ stammt aus der Werbung und meint, dass man mit einem besonders schlagkräftigen Einfall eine richtige Bombe im Kopf der Konsumenten zünden kann.

Um Werbung geht es aber nicht, sondern darum, wie sich terroristische Akteure der Medien, speziell der Bilder bedienen und was ihrerseits die Künstler damit machen, die das schreckliche Phänomen ja verarbeiten. Die Erkenntnisse, die Sebastian Baden und sein Team daraus ziehen, sind nicht neu, aber so explizit noch nicht formuliert worden: Es gibt eine wechselseitige Abhängigkeit und Beeinflussung zwischen Terror und Medien. Während „die“ Medien das Phänomen Terror nicht einfach übergehen können, ist die mediale Verbreitung ihrer Untaten für terroristische Akteure das reinste Erfolgserlebnis und gibt ihnen einen ordentlichen Zusatzkick, eine „Mindbomb“ im Kopf.

Die Schau erstreckt sich jedoch über die letzten zwei Jahrhunderte, sie beginnt mit der Französischen Revolution und endet mit den Morden des NSU und dem aktuellen Rechtsextremismus. Schon aus dem Zeitrahmen ist ersichtlich, dass der Terror-Begriff nicht wirklich präzise gefasst wird und sowohl den Terror durch Staatsorgane als auch den Terror gegen Staatsorgane meint sowie irgendwie alles dazwischen.

Die Ermordung Jean-Paul Marats durch Charlotte Corday 1793 führte zu einem der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte: Jacques-Louis Davids Gemälde mit dem toten Marat in der Badewanne. Auch die kolorierten Stiche, die 1819 die Ermordung des Komödienautors August von Kotzebue durch den Studenten Karl Ludwig Sand dokumentieren, sind zumindest in Mannheim, wo die Tat geschah, weithin bekannt. Als weiteres spezielles Mannheimer Beispiel dient Édouard Manets berühmte „Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko“, eine Komposition, für die Manet ausführlich die Presseberichte studierte.

Allein aus den wenigen Beispielen am Beginn der Schau lässt sich die Ungenauigkeit des Terror-Begriffs erkennen. Auch das Ritual der Bücherverbrennung und die bombastischen Fahnenaufzüge der Nazis waren von ungeheurer Bildkraft, werden aber nicht thematisiert. Zwar wird dem islamistischen Terror und dem der aktuellen Rechtsextremisten je ein eigenes Kapitel gewidmet, aber auch hier verschwimmen Grenzen zwischen Opfern, Tätern und Medien, beziehungsweise Kunstwerken, wozu auch die häufigen Videos zählen.

Olaf Metzels „Charlie Hebdo“-Objekt, Gerhard Richters Verarbeitung von „9/11“, Christoph Draegers Adaption von Beuys-Tafeln, die Politposter von Klaus Staeck und das große Bücherregal von Kader Attia „Die Kultur der Angst“ ‒ ja, die Schau ist voll von Bildern, Objekten und Installationen, wobei das Phänomen ausgeklammert wird, dass zwar die Künstler terroristische Taten aufgreifen, dass aber anders als in den Nachrichtenmedien die Rückkoppelung nicht funktioniert: Den Tätern ist die Kunst egal. Aber so diffus das Thema umrissen wird, so fühlt man sich auch vor Ort. Selbst wenn man akzeptiert, dass es hier nicht um eine Schau autonomer Kunstwerke geht, sondern um Objekte, die eine These belegen sollen, wird man den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit nicht los. Noch dazu erschließen sich nicht alle Werke durch optischen Eindruck – sie müssen in ihrem Kontext vermittelt werden, der Katalog erschien jedoch erst nach der Eröffnung.