Sharon Ya’ari, The romantic Trail and the Concrete House: zwischen Erwartung und Enttäuschung

Sharon Ya'ari, Bnei Or
Sharon Ya’ari, Sea Promenade, 2019, Courtesy the artist, Sommer Contemporary Art, Tel Aviv & Martin Galerie Janda, Wien
Review > Heilbronn > Kunstverein Heilbronn
2. Oktober 2021
Text: Andreas Langen

Sharon Ya’ari: The romantic Trail and the Conrete House.
Kunstverein Heilbronn, Allee 28, Heilbronn.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 28. November 2021.
www.kunstverein-heilbronn.de
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:Snoeck Verlag, Köln 2021, 178 S., 29,80 Euro | ca. 44.90 Franken.

Sharon Ya'ari, Sea Promenade
Sharon Ya’ari, aus der Serie „Bnei Or, Beersheba“, 2018, Courtesy the artist, Sommer Contemporary Art, Tel Aviv & Martin Galerie Janda, Wien
Sharon Ya'ari, Sea Promenade
Sharon Ya’ari, Sea Promenade, 2019, Courtesy the artist, Sommer Contemporary Art, Tel Aviv & Martin Galerie Janda, Wien

Der Fotograf Sharon Ya’ari (*1966) ist in seinem Heimatland Israel ein bekannter Künstler. 2018 erhielt er den EMET Prize for Arts, Science and Culture, den am höchsten dotierten Preis des Landes, der für Leistungen mit weitreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen vergeben wird. Derzeit zeigt der Kunstverein Heilbronn Ya’aris erste Einzelausstellung in Deutschland, eine Serie mit dem poetischen und etwas rätselhaften Titel „The Romantic Trail and the Concrete House“ – der romantische Pfad und das Beton-Haus. Das Katalogbuch dazu beginnt mit einer Bildserie von zylindrischen Betonkörpern im Straßenraum – abgeschabte, zerbröselnde, von hebräischen Graffiti überzogene Dinger –, und man denkt fast reflexhaft: Aha, Durchfahrt-Sperren zur Terror-Abwehr. Falscher kann eine Assoziation kaum sein, denn in Wahrheit sind die massiven Poller dekorative Elemente einer modernistischen Platzgestaltung.

„Wir sollten verstehen, dass Fotografie nicht unbedingt Wirklichkeit abbildet, obwohl wir sie immer damit verbinden“, sagt der Fotograf. Seine Ausstellung zeigt noch einige andere Bilder eben jener Betonzylinder, jetzt aber aufgestellt im Garten der Krefelder Villa Esters, einem originalen Bau von Mies van der Rohe. Dorthin war Ya’ari eingeladen worden, seine Arbeit erstmals zu zeigen. Vor dem denkmalgeschützten Juwel des Neuen Bauens wirkt die Gruppe ranziger Poller wie eine Clique von Proleten, die in einen gepflegten Bürger-Salon platzen. „Es ist die bucklige Verwandtschaft von ganz weit weg“, sagt Ya’ari mit spöttischem Unterton, „keine Ahnung, ob sie sich mögen – aber sie treffen sich.“

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind eben ambivalent, auch auf dem Feld der Architekturgeschichte. Während in Stuttgart die Weißenhofsiedlung entstand – damals als „Araberdorf“ geschmäht –, bauten im britischen Mandatsgebiet Palästina Architekten wie der aus Frankfurt stammende Richard Kauffmann wunderbare Siedlungen im Bauhaus-Stil. Sharon Ya’ari hat ein typisches Kauffmann-Werk abgebildet, das Gemeindezentrum der Arbeitersiedlung Nahalal. Es wurde 1930 fertiggestellt, doch schon zehn Jahre später diente das Kulturzentrum als Produktionsstätte von Kriegswaffen; mittlerweile steht es seit Jahrzehnten leer. Sein Verfall ist auf dem großformatigen, detailreichen Bild von Sharon Ya’ari schmerzhaft genau zu erkennen. „Mir liegt etwas an diesen Relikten, ich mag sie, ich bewundere sie“, beteuert der Fotograf, „aber sie sind in schlechtem Zustand, als ob sie ihre Zukunft schon hinter sich hätten.“

Diese verkehrte Welt mit ihren verspulten Verhältnissen zwischen Europa und dem Nahen Osten hat eine Entsprechung in der Geschichte der Fotografie. Seit dem 19. Jahrhundert blühte eine klischeelastige Schwärmerei für alles Orientalische, die vor allem britische und französischen Fotografen nach Israel lockte, erklärt Ya’ari: „Die Fotografen, die seit dem 19. Jahrhundert ins Heilige Land kamen, waren dort meist bitter enttäuscht. Sie hatten zum Beispiel den biblischen Fluss Jordan im Kopf, der aber in Wirklichkeit ein kümmerliches Rinnsal war. So geht Migration immer einher mit Erwartung und Enttäuschung.“

Den Eindruck von Tohuwabohu verstärkt der Künstler noch, indem er seinen Architekturfotografien beiläufige Schnappschüsse hinzufügt. Da stehen einsame Vögel verloren zwischen Autos herum; jemand wässert einen Garten, in dem statt Pflanzen Kristallglas-Gegenstände stehen; Kinder und Familien spielen auf einem Haufen Schnee, der eigens mit Lastwagen in eine mediterrane Stadt gekarrt wurde und dort in wenigen Stunden zerrinnt. Israel, so sagen diese Bilder, muss ein verwirrender Ort sein, oder ein verwirrter. Lakonisch meint Sharon Ya’ari: „Ich komme wohl aus einem Ort voller Widersprüche. Und ich denke, Kunst sollte diese komplizierte Lage reflektieren.“