Studie der Uni Basel über Geschlechterverhältnisse im Kulturbetrieb: Sehr viel Luft nach oben

Museum Haus Konstruktiv, Leitung: Sabine Schaschl, Foto: © Peter Baracchi
Thema
27. August 2021
Text: Dietrich Roeschmann
Kunsthaus Zürich
Ab 2023 wird auch das Kunsthaus Zürich von einer Frau geleitet, dann übernimmt Ann Demeester, Foto: © Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich

In der Kultur ist ja bekanntlich alles offener, progressiver, entspannter als im wirklichen Leben. Ach ja, ist es? Keineswegs. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine im Juni veröffentlichte Vorstudie, die das Zentrum für Gender Studies an der Universität Basel im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und des Swiss Center for Social Research erstellt hat. Untersucht wurden die Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb, unterschieden nach Disziplinen, von den Darstellenden Küns­ten über Literatur und Musik bis hin zur visuellen Kunst. Die Ergebnisse sind ernüchternd, die Differenzen zwischen den Sparten erheblich. Bei Solo-Auftritten in der Pop-Musik liegt der Frauenanteil bei gerade mal neun Prozent, in der Klassik bei immerhin 34. Auf ebenfalls rund ein Drittel beläuft sich der Anteil der bildenden Künstlerinnen an Gruppenausstellungen, aber nur jede vierte Soloschau in der Schweiz zeigt Arbeiten einer Frau.

Neben der mangelnden Sichtbarkeit des künstlerischen Schaffens von Frauen in der Schweiz stellt die Vorstudie zudem überraschend große Unterschiede bei der weiblichen Besetzung von Führungspositionen im Kulturbetrieb fest. Scheint das Verhältnis in den strategischen oder operativen Leitungen von Kunst- und Kulturinstitutionen mit einem Frauenanteil von 42 Prozent nahezu ausgeglichen, so zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass Frauen vor allem in der Musik nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind. Kein einziges Konzerthaus in der Schweiz wird von einer Frau geleitet, gerade mal zwei Prozent der aufgeführten Werke stammen von Komponistinnen. Im Theater sind es wenigstens 15 Prozent.

Die Vorstudie basiert auf „Tiefenbohrungen“ in 38 Institutionen, hat also keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ihr erstes Fazit: „Durch die markante Untervertretung und Nicht-Sichtbarkeit von Frauen innerhalb des Kulturbetriebes geht der Schweiz ein großes Potenzial an Kompetenzen verloren, sowohl im künstlerischen Bereich wie auch auf der Ebene des Managements“. Als Ursache dieses ungleichen Verhältnisses vermutet die Studie „die nach wie vor wirkmächtige Ausrichtung am Massstab männlich geprägter Lebensentwürfe im Bereich der Kunst und Kultur.“ Der Handlungsbedarf ist also groß – der Bedarf nach weiteren Daten ebenfalls. Eine umfassende Erhebung zum Thema Geschlechtergerechtigkeit im Schweizer Kulturbetrieb ist bereits in Arbeit und wird 2024 erscheinen. Dann werden endlich auch Erkenntnisse etwa zur Einkommenssituation von Frauen in künstlerischen Berufen vorliegen, zur Chancengleichheit in der Ausbildung und der Karriereförderung oder zur Vereinbarkeit von Kulturberuf und Familie. Die Autorinnen der Vorstudie des Zentrums für Gender Studies an der Uni Basel sind überzeugt: „Nur mittels eines kontinuierlichen Gender-Monitorings sowie darauf aufbauender kontext- und spartenspezifischer Strategien wird sich ein struktureller Wandel hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit realisieren lassen.“