Körper. Blicke. Macht: Alles so schön sauber hier

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30. Juni 2020
Text: Dietrich Roeschmann

Körper. Blicke. Macht. Eine Kulturgeschichte des Bades.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. Juli 2020.

www.kunsthalle-baden-baden.de

 

Das Porträt des sterbenden Marat in der Badewanne, das Jacques-Louis David 1793 malte, wurde zu einer Ikone der Französischen Revolution. Eine Version des Bildes hängt derzeit in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden auf tiefroter Wand, flankiert von weiteren Darstellungen des Bades als Ort des Politischen und des Todes. „Körper. Blicke. Macht“ heißt die breit gefächerte Ausstellung zur Motivgeschichte des sich reinigenden Menschen mit Arbeiten von rund 80 Künstlerinnen und Künstlern sowie zahlreichen Utensilien der historischen Badekultur. Sie entstand in Kooperation mit dem Stadtmuseum Baden-Baden und dem MUCEM in Marseille. Eine weitere Ausstellung zum Thema „Baden“ im benachbarten Museum LA8 richtet den Fokus auf die medizinische, technische und psychische Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert.

„Körper. Blicke. Macht“ eröffnete nur wenige Tage vor dem Lockdown der Museen zur Eindämmung des Coronavirus. Seit MItte Mai ist sie nun wieder zugänglich. Gleich im ersten Saal hängt wie ein Hinweis auf die Desinfektionsspender der Gegenwart ein Seifenautomat aus einem öffentlichen Bad des 19. Jahrhunderts, 10 Pfennig das Stück, mit Zusatz von Hühnerei für geschmeidige Haut. An der gegenüberliegenden Wand reihen sich Gefässe, Tücher, Hammam-Sandalen und andere Objekte, deren kunstvolle Gestaltung von der herausgehobenen Bedeutung des Bades zu allen Zeiten erzählt – sei es in der römischen Antike als sozialer Ort wie ihn hier eine Reihe schöner Aquarelle beschreibt, sei es als Ort der Reinigung und der daran angeschlossenen Körperpflegeindustrie, welche die Schweizer Künstlerin Delphine Reist im folgenden Saal zu einer süß duftenden, klebrig-bunten Malereiinstallation aus auslaufenden Duschgelflaschen angeregt hat. Um Geschlechterfragen kreisen nebenan zwei Arbeiten der polnischen Künstlerin Katarzyna Kozyra, die sich 1997 mit versteckter Kamera, künstlichem Bart und angeklebter Penisprothese inkognito ins Herren-Hammam des Budapester Gellertbades schlich, um dort verblüfft festzustellen, dass Männer ihr Geprahle selbst dann nicht ablegen, wenn sie unter sich sind. Im Frauenbad hingegen fing ihre Kamera eher Bilder der Fürsorge und der Zärtlichkeit ein. Kozyras heimliche Videostudie, die an der Venedig Biennale 1999 für erhebliche Empörung sorgte, legt in Baden-Baden nun die Fährte ins Reich des Begehrens, wo zwischen dezent sexualisierten Duschszenen von Nan Goldin, David Hockney, Rainer Fetting, Picasso und Patrick Angus eine aufreizend blank polierte Bad­armatur aus der Wand ragt. Das Ready Made des New Yorker Künstlerkollektivs Bernadette Corporation ist eine Kopie jener Armatur, die auf einem geleakten Nacktfoto des Popstars Rihanna zu sehen war, das 2010 im Internet kursierte und unzählige, teils boshafte User-Kommentare provozierte. Es ist eine frühe Arbeit über die Rituale der Selbstinszenierung in den sozialen Medien und die brutale Macht der Blicke, denen sich der ausgestellte Körper hier gegenüber sieht.

Ein besonderer Reiz dieser Ausstellung ist ihr Ausgreifen auf verschiedene Orte in der Kurstadt. Während im Stadtmuseum auf denkbar vielschichtige Weise die Kulturgeschichte des Schwimmbades erzählt wird, sind die jüngsten Arbeiten der Schau in der pompösen Kneipp-Halle im 1869 erbauten Friedrichsbad zu sehen. Allein der Raum ist den Besuch wert. Die Becken sind hier stillgelegt, seit die Krankenkassen das Kneippen nicht mehr bezahlen, und so gibt das Bad mit seinen Kachelgewölben eine fast irreale Kulisse ab für Installationen von Mary-Audrey Ramirez, Daniel Dewar & Grégory Gicquel oder für Bianca Kennedys zwingende Drei-Kanal-Film-Collage aus Dutzenden von Dusch- und Badeszenen der Filmgeschichte zwischen Anmut und Verführung, Verletzlichkeit und Horror. Es sind Arbeiten wie diese, die zeigen, dass die Akte und die Orte des Badens weit über die profane Funktion der Reinigung hinaus seit jeher aufgeladen sind mit religiösen, kulturellen, ideologischen oder psychologischen Vorstellungen vom Verhältnis der Menschen zu ihren Körpern.