Isabelle Krieg, ALL TAG: Die Kaffeetasse als Ort der Weltbetrachtung

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5. Juni 2019
Text: Alice Henkes

Isabelle Krieg: ALL TAG.
Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstr. 30, Solothurn.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 28. Juli 2019.

www.kunstmuseum-so.ch

„ALL TAG“, selten erschliesst sich ein Ausstellungstitel so gut wie der der Einzelschau von Isabelle Krieg im Kunstmuseum Solothurn. Das All ist präsent, das Tagwerk und der Alltag. Die Installation „Worldplayers“ zum Beispiel erinnert an lästige häusliche Pflichten, leicht überhaucht von Nostalgie: So oder so ähnlich sah es doch früher in mancher Studenten-WG aus. Schmutzige Tassen und Tellerchen bilden einen grossen, wüsten Haufen, der nach einer Spülbürste und heissem Wasser zu rufen scheint. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt in den Tassen Gesichter – von Kindern und Politikern. Von „Players“ in zweierlei Sinn: Kindern, die unbekümmert spielen, weil sie noch jung und einigermassen sorglos sind, und den Global Players, deren weniger unschuldige Spiele die Geschicke der Nationen bestimmen. Isabelle Krieg hat die Gesichter der kleinen und der grossen Spieler in den Kaffeesatz gemalt. Diese besondere Malweise hat die 1971 im schweizerischen Freiburg geborene Künstlerin international bekannt gemacht. Und sie fügt ihrem Werk noch eine spezielle Lesart hinzu. So denkt man bei den Porträts in den Kaffeetassen nicht nur an lange Küchen-Diskussionen über die Welt und die Menschheit im Allgemeinen. Auch der Gedanke ans Kaffeesatz-Lesen scheint auf – ironisch ins Gegenteil verkehrt. Politische Diskurse und Analyse des Zeitgeschehens rücken in die Nähe von Mutmassung und Spökenkiekerei.

Nicht nur mit ihren Kaffeesatz-Arbeiten erweist sich Isabelle Krieg als kluge und ironische Kommentatorin von Denk- und Gefühlsklischees. Und manchmal dreht sie ganz einfach – und ganz buchstäblich – die Welt auf den Kopf und präsentiert in der Fotoserie „Tapfere Blumen“ etwas in die Jahre gekommene Deckenlampen als seltsame Blumen. Oder sie fügt im „Schwarzen Katzenreigen“ die geschwärzten Knochen eines kompletten Katzenskeletts zu einem Mobile zusammen, das bei jedem Lufthauch leicht im Raum zu tanzen beginnt – und damit gerade so reaktionsschnell erscheint, wie eine Katze.

Die Ausstellung vereint Werke aus 25 Schaffensjahren der Künstlerin. Mehrfach überrascht Isabelle Krieg dabei mit Arbeiten, die auf den ersten Blick weitaus freundlicher und harmloser wirken, als sie es sind. Die romantische Himmelszelt-Szenerie, die sie im leicht abgedunkelten ersten Saal unter der Decke leuchten lässt, ist nicht der gestirnte Himmel, der den tief denkenden und fühlenden Menschen in lichte Höhen führt. Im Gegenteil, sie erweist sich als Arrangement aus Fladenbrot (der Mond) und menschlichen Zähnen (die Sterne). Brecht kommt einem da in den Sinn. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Passend zu dieser Installation hängt an der eine Serie von Materialdrucken, die „Mondfladenphasen“.

Die Künstlerin arbeitet vorwiegend mit Alltagsmaterialien. F antasievoll und anspielungsreich einerseits bringen sie die Betrachterinnen und Betrachter doch andererseits immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn Isabelle Krieg in ihren Arbeiten die Welt verhandelt, dann geht es nicht nur um die grossen, theoretischen Diskurse. Sie stellt die Frage, wie wir, die Menschen, uns zu dieser Welt verhalten können. In ihren Arbeiten liegt ein ungläubiges Staunen darüber, was wir mit dieser Welt gemacht haben – aber auch ein Appell, uns bewusst zu werden, dass wir die Akteure sind, die diese Welt (mit-)gestalten. Jeder trägt auf seine Weise etwas zur Welt bei – und sei es durch eine Kaffeetasse. Und auch himmlische Mächte erweisen sich bei Isabelle Krieg als etwas zutiefst Menschliches, nämlich als Fladenbrot und Zähne.

Diese enge Rückkoppelung an das Alltägliche verbindet sich in Isabelle Kriegs Werk mit einem klugen Humor, der ihren Arbeiten Leichtigkeit und Tiefe zugleich gibt. Ganz wie im „Schwarzen Katzenreigen“, wo der Tod selbst eine Leichtfüssigkeit erhält, die bezaubert, aber nichts vertuscht.