HAP Grieshaber, Einschnitt/Ausdruck.
Forum Würth, Dornwydenweg 11, Arlesheim.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 2. Mai 2027.
www.kunst.wuerth-ag.ch
Im Treppenhaus hängt eine vielsagende Fotografie. Sie zeigt den Künstler bei der Arbeit – ein Skelett schaut ihm dabei zu. Der Knochenmann, liebevoll „Karlchen” genannt, ist in der Ausstellung allgegenwärtig. Ganz besonders im „Basler Totentanz” (1966), einer Hommage an Hans Holbeins d. J. verschwundene Wandmalerei an der Friedhofsmauer der Predigerkirche in Basel. Auch Grieshabers makabrer Reigen füllt eine ganze Wand. Eindrücklich ist die Gesamtwirkung und jedes Einzelblatt der 40 Paarkonstellationen, die auch den Drucker als Künstler miteinschliessen. Das gestalterische Spektrum und der Bildwitz des Künstlers zeigen, dass er in der Nachkriegszeit zu den Eigenwilligsten seiner Art gehörte. Doch Erfolg stellt sich spät ein.
1909 als Helmut Andreas Paul Grieshaber in Rot in Oberschwaben geboren, absolviert er zunächst eine Schriftsetzerlehre, dann die Kunstgewerbeschule in Stuttgart, muss aber wegen Geldmangel das Studium abbrechen. Als Kritiker der Nazis erduldet er Repressalien, wird zum Kriegsdienst eingezogen und gerät 1945 in Gefangenschaft. Doch wie Phönix aus der Asche, scheint er aus dem Erlittenen neue Kraft geschöpft zu haben. Im Geheimen und nach Kriegsende entstehen ausdrucksstarke, mehrfarbige Holzschnitte mit abstrahierten Figuren. Kühne Kompositionen, sowohl Linien- als Flächenholzschnitt im Grossformat, Experimente mit ungewöhnlichen Materialien wie etwa Klaviertasten und Tischbeinen machen ihn bekannt. Nach Jahren, in denen er sich mit Hilfsarbeiten durchschlagen musste, gelingt ihm endlich um 1954 der künstlerische Durchbruch: Es folgen internationale Ausstellungen, documenta, Biennale von Venedig und Kunstpreise, sowie eine Professur an der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe. Aus Protest gegen die kleinliche Prüfungsordnung kündigt er.
Der Mensch steht im Zentrum, nicht nur in seinem Schaffen. Er engagiert sich gegen Diktaturen in Griechenland und Chile. Bis zu seinem Tod 1981 bleiben seine Werke gesellschaftskritisch, richten sich gegen Diskriminierung und zeugen von der Sorge um Mensch und Natur. Neben den bekanntesten Werkgruppen „Osterritt“ und „Totentanz“ sind auch Hommagen an Maler, Musiker und Poeten ausgestellt: Neruda, Orff, C.D. Friedrich, Picasso, Chagall und Cezanne. Für traditionell christliche Ikonografie findet er eigenwillige Interpretationen, lässt Joseph in der „Anbetung“ gar einbeinig auftreten. Seine Bildsprache ist poetisch, humorvoll, selbstironisch, aber auch monströs und dramatisch. Nachdenklich machen auch seine gemalten Selbstporträts: Hier hält er dem Publikum den silbernen Spiegel entgegen – als wolle er sagen: Schau dich an und lebe.


