Catherine Christer Hennix: Cosmological Critique. Das Echo der Unendlichkeit

Catherine Christer Hennix
Catherine Christer Hennix, Bichromatic Tangle of Topological Space Curves, aus der Serie „Topological Studies of Closed Curves“, 1993/2026, Courtesy The Etymon Foundation
Review > Karlsruhe > Badischer Kunstverein
12. Oktober 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Catherine Christer Hennix: Cosmological Critique.
Badischer Kunstverein, Waldstr. 3, Karlsruhe.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 15. November 2026.
www.badischer-kunstverein.de

Catherine Christer Hennix
Catherine Christer Hennix, Encore & Encore, 2018, Courtesy Empty Gallery
Catherine Christer Henix
Catherine Christer Hennix, Ohne Titel, 1990er Jahre, Courtesy The Etymon Foundation
Catherine Christer Hennix
Catherine Christer Hennix, Nur (For Marian Zazeela), 2003-2018, Videostill, Courtesy The Etymon Foundation

Wenn eins plus eins gleich zwei ist, wie groß ist dann die Unendlichkeit plus eins? Für Catherine Christer Hennix (1948-2023), deren Werke derzeit in einer dichten Retrospektive im Badischen Kunstverein zu sehen sind, deutete sich in dieser Frage bereits an, dass sich die Unendlichkeit nicht berechnen lässt. Mathematische Prinzipien gehörten ebenso zum Fundament ihrer Kunst wie Fragen der Logik, Ethik und Spiritualität. In Stockholm geboren, wuchs Hennix in einem musikalischen Umfeld auf, lernte früh Schlagzeug. Ihre Mutter war Jazz-Komponistin mit Kontakten zu Größen wie John Coltrane, Cecil Taylor und Albert Ayler, mit dem Hennix als Jugendliche improvisierte. Bei zwei New York-Aufenthalten Ende der 1960er-Jahre lernte sie dann den US-amerikanischen Komponis­ten La Monte Young kennen, dessen „Trio for Strings“ von 1958 als Gründungswerk der Minimal Music gilt. Als sie kurz darauf den Computer als Instrument zur Erzeugung von reinen Klängen für sich entdeckte, war sie gerade mal Anfang 20.

Eine der frühesten Arbeiten aus dieser Zeit ist auch in Karlsruhe zu sehen – ein mit mathematischen Symbolen durchsetzter Text, auf DIN-A4 kopiert und an die Wand tapeziert wie ein Manifest. Titel: „Die Theorie des kreativen Subjekts – Spektren von Modalitäten“. Viel fluider lässt sich ein künstlerisches Programm kaum formulieren. Wie präzise Catherine Christer Hennix daran arbeitete, verraten die langen Papierbahnen, bedruckt mit Wellen und Clustern aus Ziffern und Zeichen, die im ersten Saal ausgebreitet liegen. Einige von ihnen versammeln frühe Ideen zu dem raumgreifenden Environment „Toposes and Adjoints“, das Hennix 1976 für das Moderna Musset in Stockholm konzipierte und das in Karlsruhe im Großen Saal als Herzstück der Ausstellung rekonstruiert wurde.

Schon vor dem Betreten macht sich die Arbeit bemerkbar. Unter dicken Filzvorhängen kriechen mit sonorem Dröhnen elektronische Sinuswellen hervor. Im Saal selbst nimmt der Sound dann eine beinahe physische Präsenz an, steht als unsichtbare Skulptur im Raum, mit „psychotropen Effekt“, wie Hennix die Wirkung der computergenerierten Klangschichtungen einmal im Interview beschrieb. Langsam, zäh und ständig in Bewegung umspült er hier mathematische Symbole wie Klammern oder ein gefülltes und ein leeres Quadrat, die als minimalistische Objekte aus hochglanzpoliertem Edelstahl im spärlichen Licht schimmern. Der Titel „The Least Measurable Cardinal“ legt eine Spur in Hennix’ Kosmos. Inspiriert von der intuitionistischen Philosophie der Mathematik, die Mathematik als eine Tätigkeit des denkenden Subjekts versteht, in der ihre Gegenstände erst konstruiert werden statt immer schon unabhängig von der eigenen Wahrnehmung zu existieren, bezweifelte Hennix die mathematische Fassbarkeit der Unendlichkeit. Zugänglich erschien sie ihr dagegen in der Musik, etwa im indischen Raga und im arabischen Maqam, die sie als „Pfade“ durch eine Unendlichkeit von Tönen begriff, welche sich in der reinen Stimmung eröffnet.

Nur zörgerlich tauchen in Karlsruhe dazu aus der Dunkelheit zwei „Ultra-Black Paintings“ an der Wand auf. Hennix ließ dafür Tausende von Streichhölzern auf Aluminium abbrennen, bis das Pigment an der glatten Oberfläche haften blieb. Die kaum wahrnehmbaren monochromen Bilder spielen auf Fragen der Topologie an, die erforscht, welche Eigenschaften von Formen und Räumen gleich bleiben, wenn man sie dehnt, biegt oder staucht, ohne sie zu zerreißen. Auch hier, wie so oft in Hennix’ Werk, geht es um das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Vielfachen, im mathematischen und im ethischen Sinn.

Nachdem sie Ende der Siebziger kurzzeitig eine Gastprofessur für Informatik und Mathematik an der State University New York innehatte, wurde es still um Hennix – bis sie sich Anfang der 1990er Jahre, nach einer Geschlechtsumwandlung und beeinflusst von den Theorien des Psychoanlaytikers Jacques Lacans, in ihrer Kunst zunehmend mit Fragen von Geschlecht und Subjektivität auseinandersetzte. Möbiusbänder in Blau und Rot, eine Installation aus identischen Stoffhasen, trans-feministische Bildcollagen und eine endlose Folge mathematischer Klammern, als Wandarbeit über einer Reihe von Kieselsteinen am Boden arrangiert, verhandeln im zweiten Teil der Karlsruher Schau Diversität aus den unterschiedlichsten Perspektiven.

Im Kellergewölbe schließlich verschmelzen Sound, Bild, Raum und der eigene Körper zu einer vibrierenden, der Zeit seltsam entrückten Einheit. Das machtvolle Dröhnen von „Soliton(e) Star“, das einen hier wie eine Decke umhüllt, und die hypnotische Projektion zwei gasflammenblauer Spiralformen im tiefschwarzen, mit Teppichen ausgelegten Raum, geben eine vage Ahnung davon, wie sich das Echo jener Unendlichkeit anfühlen könnte, der sie in ihrer künstlerischen Arbeit und ihrer mathematischen Forschung auf der Spur war.