Karimah Ashadu: Crystalline.
Kestnergesellschaft Hannover, Goseriede 11, Hannover.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 15. November 2026.
[—artline>Nord] Mit ihrem Video „Machine Boys“ feierte sie 2024 ihren bislang größten Erfolg. Für das Porträt junger Fahrer von illegalen Motorradtaxis in der Megalopole Lagos erhielt Karimah Ashadu den Silbernen Löwen auf der 60. Venedig-Biennale. Den Alltag der Fahrer fängt sie in extremen Nahaufnahmen und dynamischen Totalen derart intensiv ein, dass die demonstrativ zur Schau gestellte Männlichkeit ihrer Protagonisten und die Fragilität ihrer Existenz spürbar wird. Eine meisterhafte Arbeit. Dabei hatte die 1985 in London geborene nigerianische Künstlerin zunächst Malerei und Raumgestaltung studiert, bevor sie endgültig zum Film fand. Sie begann mit selbstgebauten Kameraobjekten, die sie am Körper befestigte, um im Raum zu performen. Die Faszination für Körperlichkeit, für die Schönheit der Bewegungen zeichnet ihre Arbeiten aus. Doch ihr Fokus hat sich verschoben. Mit dem Blick auf Maskulinität und die Arbeitsbedingungen in der patriarchalen Gesellschaft Nigerias thematisiert sie postkoloniale Geschichte, die zugleich ihre eigene ist. „In meinen Werken geht es immer um dieselben Themen. Ich betrachte sie gewissermaßen als Selbstporträts. Sie sprechen für mich.“
Die Kestner Gesellschaft Hannover zeigt jetzt Ashadus erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Die dreißigminütige Arbeit „Waves“ (2026) führt zu einer illegalen Autowaschanlage in Lagos, direkt am Atlantik. Vor dem Hintergrund im Bau befindlicher Luxusimmobilien reinigen junge Nigerianer unermüdlich Autos, Kleinbusse, LKWs in rasantem Tempo. Ihre schwarzen Körper zeichnen sich kontrastreich vor den weißen Karosserien ab. Sie tragen Kleidung gefälschter Luxusmarken – Gucci, Lacoste, Balenciaga –, Ausdruck ihrer Sehnsucht nach sozialem Aufstieg. In Off-Kommentaren berichten sie von ihren Heimatdörfern, dem Terror der islamistischen Boko Haram, von ihren Familien und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Motiv des schäumenden Ozeans und das der schäumenden Seifenlauge werden zum Symbol ihrer Lebensbedingungen und der Antithetik von Freiheit und Unfreiheit.
„Ich bin eine neugierige Person“, sagt Karimah Ashadu. „Ich liebe die Menschen, ich höre sehr gerne von ihrem Leben erzählen.“ Ein Privileg sei es, in das Leben anderer eingelassen zu werden. Ein Privileg auch, als Britin die Möglichkeit zu haben, sich in verschiedenen Welten zu bewegen. Mittlerweile lebt die Künstlerin in Hamburg, hat ihr Atelier in Eidelstedt. „Andererseits fühle ich mich sehr stark als Nigerianerin und habe das Gefühl, dass ich dorthin gehöre.“
Auch in der Zwei-Kanal-Projektion „Cowboy“ (2022) begegnen wir einem schwarzen Nigerianer an der Küste vor Lagos. Idyllische Bilder von Palmwedeln, durch die das Sonnenlicht bricht, treffen auf die Aufnahmen eines Reiters mit seinem Pferd. Wieder enthüllt ein Off-Kommentar seine Geschichte, sein besonderes Verhältnis zu Pferden. Er sei gut darin, bemerkt der junge Mann – behutsam, feinfühlig, respektvoll zu sein. Hier zeigt sich ein anderes Männerbild. Wenn in der letzten Einstellung der Cowboy aufrecht auf seinem Pferd am Ufer steht, den Blick auf die Frachter am Horizont gerichtet, dann ruft das Motiv nicht nur die „Black History“ auf von Kolonialismus und Migration, sondern zugleich den Eindruck eines selbstbewussten und unabhängigen Individuums.



