Under The Milky Way. Aus den Eingeweiden der Stadt

Florentina Holtzinger, Crash Pipe, 2026, Courtesy the artist, Foto: © Mathias Voelzke
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10. Juli 2026
Text: Bettina Maria Brosowsky

Under the Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart.
Kunstverein Hannover, Sophienstr. 2, Hannover.
Dienstag bis Samstag 12.00 bis 18.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. Juli 2026.

www.kunstverein-hannover.de

Christoph und Sebastian Mügge, Raschplatz Schützenfest 96 Chaostage Messe, 2026, Courtesy the artist, Foto: Andre Germar
Under The Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart, Ausstellungsansicht, Foto: Andre Germar
Moses und Taps, Eternal Return, 2026, Courtesy the artists, Foto: Andre Germar

[— artline>Nord] Sicher, der Kunstverein Hannover wollte keinen Skandal auslösen. Aber etwas Kontroverses und Spektakuläres im öffentlichen Raum kann in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie nicht schaden – wie jene „Crash Pipe“, die Florentina Holzinger Ende März in der Sophienstraße, direkt vor der Treppe zum Kunstverein, der Öffentlichkeit übergab. Nun ist eine Skaterbahn kein Novum in der Kunst, Michel Majerus etwa ließ sie anno 2000 im Kölnischen Kunstverein installieren, bunt bemalt und fröhlich zum Gebrauch animierend. Und 2022 möblierte die documenta fifteen den Innenraum der
zentralen Halle mit ähnlichem Equipment. Holzingers Interpretation kommt, wie zu erwarten, hart daher. Acht Tonnen unbehandelter, grauer Walzstahl sind flankiert von einigen Schrottautos. Diese allerdings sind sorgfältig mit Klebefolien gesichert, auf dass ja kein Glassplitter oder scharfes Blech die Passant:innen verletze. Und ein (kleiner) Skandal war allenfalls die Einweihung: Holzinger und weitere nackte Akteurinnen stellten ihr Skating-Talent auf der Bahn unter Beweis. Schon in den folgenden Werktagen lag das Monstrum meist, zumindest bis zum frühen Nachmittag, verwaist im Schatten der Straßenschlucht, im Juni wandert nun alles an seinen finalen Standort, den Hannoverschen Raschplatz.

Dieses kurze Spektakel sollte nun nicht den Blick verstellen auf eine wirklich gute, opulent bestückte Ausstellung, die Kuratorin Larissa Kikol und Kunstvereinsdirektor Christoph Platz Gallus in den sieben Sälen ihrer Institution eingerichtet haben: Under the Milky Way. An einen Song inklusive Video der australischen Rockband The Church aus dem Jahr 1988 erinnernd, geht es um Tendenzen und Praktiken in der gegenwärtigen bildenden Kunst, die sich im öffentlichen Raum, legal wie illegal, trainieren und mittlerweile als Post-Vandalismus kunstwissenschaftlich geadelt sind. 18 Einzelkämpfer*innen wie Teams erfinden immer neue „Bilderrahmen“ für urbane Phänomene, sie sind zielsicher und mit Spaß dabei, Charakteristika und Absurditäten städtischer Infrastruktur wie sozialer Realitäten aufzuspüren. Mischa Leinkauf etwa folgt mit seiner Videokamera dem unterirdischen Organismus der Berliner Stadtentwässerung, in seiner Doppel-Projektion pulsiert es in zwei riesigen „Blutgefäßen“. Mathias Weinfurter zerlegt handelsübliche, stabile Metallzäune, wie sie Privatgrundstücke, Bolzplätze oder auch Stadien abgrenzen, und fügt sie mit subtilen grafischen Irritationen neu zusammen. Das Duo Moses & Taps widmet sich einem Vehikel mobiler Infrastruktur, der Straßenbahn: ein frühes Objekt urbaner Graffiti mit meist erfolglosen Versuchen einer Beseitigung. Ihre Installation „Ewige Wiederkehr“ überführt ein besprühtes Fahrzeug aus seiner dreidimensionalen Substanz in eine kraftlos an der Wand hängende Folie. Das Kollektiv Rocco und seine Brüder autorisiert Roboterhunde, die zunehmend für Überwachungsmaßnahmen durch unsere Städte patrouillieren werden, zu unkontrolliertem Eigenleben und lässt sie bunte „Spots“ aus Sprühdosen in den Sälen platzieren. Eine riesige Devotionaliensammlung aus Hannovers öffentlichem Raum fügen die Brüder Christoph und Sebastian Mügge zu einem mentalen Environment zusammen. Auf einer grünen Bodentopografie und an den Wänden erfährt man von der Dauerrivalität der Fußball-Zweitligis­ten Braunschweig und Hannover, dem lokalen Lindener Spezial-Bier oder auch von dem als „Pinkelprinz“ verrufenen letzten Welfenherrscher.

Beklemmend lassen einen die Aktionen des Kollektivs Angst Yok zurück. Sie überkleben in schnellen Guerillaaktionen kommerzielle Werbeflächen mit selbstgemalten Plakaten, konfrontieren etwa vor einem leeren Berliner Kaufhaus lagernde Obdachlose mit dem Sinnspruch „Gewohnheit ist der schlimmste Mensch der Welt“. In der 13. Ausgabe der jährlich neu vergebenen „Stufen zur Kunst“ flankiert Jenny Brosinski in der zeitgenössisch kargen Fluchttreppenarchitektur des ehrwürdigen Künstlerhauses das Thema mit dem künstlerischen Charme einer Abrissimmobilie.