Carl Cheng, Nature never loses: Auf Sand gebaut

Documentation of Carl Cheng's Santa Monica Art Tool and its installation. Walk on LA (Detail), 1982, © Carl Cheng, courtesy the artist
Review > Basel > Museum Tinguely
16. Februar 2026
Text: Annette Hoffmann

Carl Cheng, Nature never loses.
Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1, Basel.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 10. Mai 2026.
Bei jrp-editions ist eine Publikation erschienen, Genf 2026, 448 S., ca. 48 Franken, 50 Euro.

Carl Cheng
Carl Cheng, Human Landscapes - Imaginary Landscape 3, 2025, courtesy the artist and Philip Martin Gallery, Los Angles, Museum Tinguely, Basel, Matthias Willi, 2025/26, © Carl Cheng
Carl Cheng
Carl Cheng, Scroll Series, Great Wall No. 2, 1979, © Carl Cheng, courtesy the artist and Philip Martin Gallery, Los Angeles

Vielleicht ist es eine frühe Übung in Sachen Demut, Sandburgen vom Wasser abgetragen und verschwinden zu sehen. Es bringt einen womöglich dazu, an die Veränderbarkeit der Welt zu glauben. Strandbesuche gehören zu den Kindheitserinnerungen von Carl Cheng (*1942). Der amerikanische Künstler ist in Kalifornien aufgewachsen, heute lebt er in Santa Monica. Und hier verwirklichte er Mitte der 1980er Jahre das „Santa Monica Art Tool“. Die riesige Walze, die von einem Traktor über den Strand gezogen wurde, funktionierte wie ein Rollsiegel. Sie hinterließ im Sand ein Stadtbild, das aussah wie die stilisierte Topografie von Los Angeles. Im Museum Tinguely, wo derzeit die Einzelschau Chengs „Nature never loses“ gezeigt wird, sieht man in einem Video Jugendliche aufgeregt auf Straßenzüge deuten, die ihnen bekannt vorkamen. Der Strand wurde Chengs Leinwand, eine Leinwand zumal, auf die immer wieder neu gedruckt werden konnte – egal wie oft die Stadt von unzähligen Füßen in den Sand getrampelt wurde. Er variierte das Prinzip durch einen Plotter, mit der man eine Sandfläche behandeln konnte. Was damit möglich wird, zeigt sich in einem der Ausstellungsräume des Museum Tinguely.

Auf der Galerie flüstert Carl Cheng den Besucherinnen und Besuchern ins Ohr, dass sie Teil der Natur seien, dass Natur alles sei, sie immer gewinne, niemals verliere. Chengs Werk liegt der Gedanke der Transformation zugrunde. In der Serie der „Anthropocene Landscapes“, die vor etwa zwanzig Jahren entstand, haben elektronische Teile wie Leiterplatten den Platz von Grünflächen, Feldern oder Häusern übernommen. Die Aluminiumplatten sehen aus wie Landschaften aus der Vogelperspektive. Die Natur verliert nicht, weil sie sich ständig ändert. Cheng studierte in den 1960er Jahren an der Folkwang Hochschule in Essen sowie an der University of California, die vom Bauhaus geprägt war Kunst und Industriedesign. Im Anschluss arbeitete er kurzzeitig als Modelbauer im Büro von Charles und Ray Eames. Man sieht vielen seiner Arbeiten den Industriedesigner an, so baute er neongelbe, verglaste „Erosion Machines“, in denen er Gipskegel Wasser aussetzt, bis diese Spuren von Erosion zeigen. Cheng schafft Werkzeuge, „Art Tools“, die bleiben, wenn das Werk bereits verschwunden ist.

Carl Cheng reflektiert in seinen Arbeiten, was es braucht, dass Kunst als solche wahrgenommen wird und wie die kulturellen Voraussetzungen dafür sind. Er macht ausgedehnte Reisen nach Asien, so auch nach China. Dort greift er in seinen Fotogafien der „Scroll Series“ die Konventionen von historischen Tuschezeichnungen auf. Er schneidet aus Schriftrollen Bilder aus und lässt diese Rahmen in die Landschaften oder vor die Chinesische Mauer halten. Cheng bildet so auf seinen Fotos die Perspektive mit ab, die Motive pittoresk aussehen lässt. Seine Installation „Avocado Laboratory“ wirkt wie ein Zwitter von Gewächshaus und Wunderkammer. Durch Perforieren oder Schnitzen hat er die Schale und die Kerne von Avocados in skurrile Gebilde verwandelt, in Masken oder Fischwesen. Eine Wellenmaschine wurde Teil des „First Generation Family Entertainment Center“. Ein Plakat beschwört, dieses auf keinen Fall zu verpassen. Bereits in den 1960er Jahren nahm Cheng wahr, wie sehr das Event und das Entertainment, die Kultur bestimmten und wie sehr sich Kunst einer kapitalistischen Logik unterziehen sollte.

Es ist die Zeit, in der er das Unternehmen „John Doe Co.“ gründet. Einerseits, um seiner künstlerischen Arbeit eine organisatorische Struktur zu geben, andererseits als Kritik an der Ausgrenzung, die er als Amerikaner asiatischer Herkunft während des Vietnamkrieges erlebte. Amerikanischer als John Doe ging nicht. In den 1970er Jahren kondensierte er auf einer Reise nach Japan Naturerlebnisse in einer Handtasche als „Nature Supply Kit“. Über mehrere Stunden lief die Grafikdesignerin und Lebensgefährtin Chengs Felice Mataré in einem Catsuit und mit Atemmaske durch die Gänge der U-Bahn von Osaka. Die Natur mag niemals verlieren, der Mensch kann das durchaus.