Emmanuelle Castellan, Schlafende Geschichten: Die große Durchlässigkeit

Emannuelle Castellan
Emmanuelle Castallan, Schlafende Geschichten, 2026, Ausstellungsansicht, Museum Langmatt, Baden, Foto: © Museum Langmatt, Baden
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3. November 2026
Text: Annette Hoffmann

Emmanuelle Castellan, Schlafende Geschichten.
Museum Langmatt, Römerstr. 30, Baden.
Dienstag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 10. Januar 2027.
www.langmatt.ch
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Museum Langmatt, Baden, 88 S., ca. 28 Franken.

Emannuelle Castellan
Emmanuelle Castallan, Schlafende Geschichten, 2026, Ausstellungsansicht, Museum Langmatt, Baden, Foto: © Museum Langmatt, Baden
Emmanuelle Castellan
Emmanuelle Castallan, Schlafende Geschichten, 2026, Ausstellungsansicht Museum Langmatt, Baden, Foto: © Museum Langmatt, Baden

In ihrer Wohnung in Moabit, so ist im Katalog zu Emmanuelle Castellans Ausstellung „Schlafende Geschichten“ im Museum Langmatt nachzulesen, soll die Tür zu ihrem Atelier immer ein wenig geöffnet sein. Warum auch trennen, was zusammengehört? Die Gegebenheiten in der Badener Jugendstilvilla kennt Castellan (*1976) nicht nur von zwei früheren Ausstellungsbeteiligungen – erstmals 2016, dann sechs Jahre später –, die Verbindung zwischen Privatem und Kunst ist auch überhaupt wesentlich für das Werk der französischen Malerin. Seit 2011 lebt sie in Berlin. Nach Professuren in Toulouse und Strasbourg lehrt sie nun seit diesem Herbst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

„The Play of Shadows and Slow Shutters in my Studio“ heißt eine Werkgruppe von Castellan. Der Titel beschreibt einerseits das Spiel der Schatten in ihrem Berliner Atelier, andererseits die fotografische Technik der Langzeitbelichtung, mit der man die Illusion von Bewegung erzeugen kann. „Setting“ aus dem Jahr 2023 gehört zu dieser Gruppe und ist in den oberen Ausstellungsräumen zu sehen. Das Bild ist in Grün gehalten und wie ein Fächer in Segmente aufgeteilt. Was man darauf sieht – eine Frau links, die vielleicht am Fens­ter steht, ihre Doppelgängerin rechts, und glockenblumenähnliche Formen –, ist in seinen Anschlussstellen nicht nachzuvollziehen. Es ist als ob sich Räume zwischen dem Dargestellten auftuen würden, die sich dem Auge entziehen. Oder als hätte der Blick der Malerin einen Zeitverlauf in Einzelbildern sichtbar gemacht. Das hat etwas Surreales oder auch Traumhaftes. Auch in ihrem Kleinformat „No Good Looking“ gibt es dieses Moment der Vervielfältigung. Es zeigt drei an den Rändern gewellte Ovale, die auf Stäben stecken und an einen Handspiegel erinnern. Ein Mund und ein Auge sind über die Schnittstellen gemalt und erscheinen dadurch multiperspektiv. Ein Bild mit dem mittig gesetzten Motiv einer Schale, auf der drei Figuren abgebildet sind, wie man es von chinesischem Porzellan kennt, heißt „They contain all the Questions“. Allem Anschein nach hat man es hier mit einer Malerei zu tun, die programmatische Fragen durch die Darstellungsweise thematisiert. Wie das dreidimensional aussehen könnte, zeigen die kleinen Modelle Castellans wie sie etwa im Atelier von Jenny Brown zu sehen sind. Sie haben etwas von Collagen, die Bildträger sind gestaffelt und ineinander verkeilt.

Schalen, Fächer und Spiegel könnten auch Objekte der impressionistischen Stillleben und Interieurs sein, die im Frühjahr wieder Einzug in die Villa Langmatt gehalten haben. Während der Sanierung tourte die Sammlung von Jenny und Sidney Brown. Nun ist sie zurück und das Zusammenspiel der Werke und dem bürgerlichen Selbstverständnis sowie der Weltoffenheit der ehemaligen Besitzer scheint noch intensiver. Da spiegeln sich die Zitrusfrüchte auf einem chinesischen Topf aus dem 17. Jahrhundert in Bildern von Gauguin und Cezanne. Emmanuelle Castellan führt diesen Dialog in die Gegenwart. Die Bilder, die sie sich in den Wohnräumen im Erdgeschoss neben den Klassikern der Kunstgeschichte befinden, harmonieren mit dem Grünblau der Tapete oder toppen in ihrer Farbigkeit die Blumenmuster an den Wänden des oberen Stockwerks. Castellan deutet die Farben ins Zeitgenössische und lässt Hellblau zu Violett verlaufen.

Das Spiel mit den Schatten und der Langzeitbelichtung schließt auch die Leinwand selbst mit ein. Castellan erweitert sie durch angefügte Stücke, sie lässt sie durchlässig erscheinen, dadurch dass die Bilder immer ungerahmt und oft nicht aufgespannt sind. Oder sie schneidet sie ein. Anders als bei Lucio Fontana wirkt es bei Castellan nicht aggressiv. Bei „Troubles“ aus dem Jahr 2020 fügen sich die Einschnitte in die Buchstaben auf der Leinwand ein, die das Wort Troubles ergeben. So nicht-linear wie sich das Wort auf dem blau-roten-eierschalenweißen Farbverlauf verteilt, lässt dies auf eine Störung schließen, doch zugleich wirkt es, als befreite sich hier etwas ins Offene.