Anne Imhof: Wish you were gay.
Kunsthaus Bregenz, Karl-Tizian-Platz, Bregenz.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 22. September 2024.
www.kunsthaus-bregenz.at
„I feel pretty, so pretty, and witty and gay…“, singt Maria aus der West Side Story, und mit „gay“ ist hier „strahlend“ gemeint. Die Musik ist Teil der Videoarbeit „Maria“ von 2002. Zu sehen ist Anne Imhof in Lederjacke und mit offenen dunklen Haaren. Sie steht in einem engen Raum, der ganz in rotes Licht getaucht ist und schaut in die Kamera wie in einen Spiegel. Aufgenommen wurde das Video mit einem Camcorder mit – damals ganz neu – ausklappbarem Monitor. Für sie sei es das erste Mal gewesen, dass sie performte und sich gleichzeitig dabei sehen konnte, erinnert sich die Künstlerin in Bregenz. Und ergänzt, es sei natürlich eine andere Auseinandersetzung mit dem eigenen Bild, wenn man sich beim Performen selbst beobachten könne. Mit strengem Blick probiert sie unterschiedliche Kopfhaltungen, klebt einen Kaugummi an die Scheibe und beginnt auf einmal, in Richtung Kamera zu boxen – auf ihr eigenes Spiegelbild zu.
Es ist ungewohnt, Anne Imhof persönlich im Video zu sehen, ließ sie bisher doch vornehmlich andere performen, Schauspieler- oder Tänzerinnen etwa für ihre Dobermann-Performance „Faust“ im Deutschen Pavillon in Venedig. Im Kunsthaus Bregenz zeigt die 46-Jährige nun gleich mehrere unveröffentlichte Arbeiten aus ihren 20ern. Wir sehen sie mit einer Freundin in der Badewanne, die beiden rauchen, hören alte Liebeslieder. Sie betrachten sich im Spiegel, scherzen herum, legen die nassen langen Haare so um ihre Gesichter, dass sie einen ganz neuen Ausdruck bekommen. Ein anderes Video zeigt Anne Imhof in Lederjacke und Petticoat-Unterrock, der Rock ist zu groß, er rutscht ihr von den schmalen Hüften, sie versucht es mit Hosenträgern: Die Selbstbehauptung einer jungen Frau, ein Akt der Emanzipation. „Sich behaupten wollen erstmal, es hat ja auch einen Grund, weshalb die Videos so lange liegengeblieben sind, weil es da auch eine Schamhaftigkeit gab, mit dem eigenen Körper umzugehen“.
„Wish you were gay“ ist Anne Imhofs bisher persönlichste und intimste Ausstellung. Die kühle und harte Ästhetik aus Stahlbarrieren und Boxhandschuhen, Motorrädern, Heavy Metal und kämpfenden Zebras wird hier zum schützenden Rahmen für Werke voller Melancholie und Zerbrechlichkeit. Eine Reihe verpixelter, wie verwischter Gemälde lässt gerade so eine Figur erkennen, die sich eine Pistole an die Schläfe hält. Eine andere Serie zeigt Atompilze. In den kräftigen Hell-Dunkel-Kontrasten meint man teuflische Gesichter zu erkennen, tiefliegende Augen und schiefe Münder. Das Motiv ist nicht gerade neu, doch Anne Imhof war es wichtig, das Thema jetzt nochmal zu setzen, in Zeiten einer von ihr als sehr real empfundenen atomaren Bedrohung. Vor allem aber interessieren sie die Schnittstellen zwischen den Selbstmörderbildern und den Atompilzen. „Natürlich gibt es diesen Zusammenhang von Macht und Machtverhältnissen und Selbstbestimmung, und dann aber auch Bestimmung über andere. Auch die Ambivalenz zwischen Willkür und Gezieltheit von Waffen hat mich interessiert.“
Ambivalenzen wie diese sind der rote Faden der Ausstellung. In jeder Etage muss man erst einmal eine Reihe großer stählernen Absperrgitter umschiffen, wie man sie von Konzerten und Demonstrationen kennt. An anderer Stelle hat Anne Imhof dafür unerwartete Verbindungen geschaffen: Im zweiten Stock sind die Deckenplatten des Gebäudes abgehängt, man fühlt sich wie unter einer Bühne, aus der Ferne wummern die Bässe eines vermeintlich oben dröhnenden Konzerts. Im Stockwerk drüber steht man dann plötzlich selbst auf ebenjener Bühne – allerdings sehr allein. Es gibt weder andere Musiker noch Instrumente oder Mikrofone. Aus einer Reihe von Monitoren am Boden kommt trotzdem Musik und Gesang – teilweise von Anne Imhof eingesungen. Wie ein Geist fühlt man sich auf dieser Bühne, auf der ein Sound entsteht, den man selbst gar nicht macht. Da fällt der Blick auf ein Video an der Wand: Es zeigt einen jungen Mann auf einem Bett. Auf die blanke Matratze ist der Umriss einer anderen Person gemalt. Der junge Mann streicht über den körperlosen Umriss, legt sich darauf, versucht es gar mit einer Herzmassage: Eindringlicher kann man körperliche Abwesenheit kaum darstellen.