Survival in the 21st Century. (Über-)Leben heute

Trevor Paglen, Unknown 87991, 2023, Courtesy the artist, © Trevor Paglen
Review > Hamburg > Deichtorhallen
19. Juli 2024
Text: Belinda Grace Gardner

Survival in the 21st Century.

Deichtorhallen, Deichtorstr. 1-2, Hamburg.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 5. November 2024.

www.deichtorhallen.de

Zur Ausstellung ist eine Pubklikation erschienen:
Manual for Survival, Hirmer Verlag, München 2024, 272 S., 36 Euro.

Andrea Bowers, Deep Green, 2023, @ the artist and Andrew Kreps Gallery, New York, Foto: Kunning Huang
Charles Stankievech, Desert Turned to Glass, 2012/2023, Courtesy the artist, © Charles Stankievech
Emmanuel Van der Auwera, White Cloud, 2023, Videostill, © the artist & Harlan Levey Projects

[— artline Nord] Die schwierige Gemengelage unserer von Krisen und Kriegen, humanitären und ökologischen Katastrophen durchdrungenen Zeit wirft viele Fragen auf: Wie wollen wir künftig leben? Wie können wir gemeinsam Wege zu einer friedlichen, vielstimmigen, gleichberechtigten Existenz aller in unserer Welt finden? Wie das ökologische Gleichgewicht unserer Environments wiederherstellen und langfristig sichern? Die Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg, kuratiert von Georg Diez und Nicolaus Schafhausen, ist ein visuell und akustisch stark belebter Schauplatz des Erforschens, Reflektierens und Lernens. Gleich im Foyer knallen den Besuchern Olaf Nicolais trügerisch poppige Plakate entgegen: Sie verkünden „Un Mondo Che Muore“ – eine sterbende Welt. Eine irisierende Botschaft, zwischen Untergang und Verheißung: In welche Richtung wollen wir gehen? Oszillierende Kippbilder ziehen sich durch die gesamte Ausstellung hindurch. Gerahmt wird sie von friesartig an den Wänden der gesamten Halle verlaufenden farbcodierten Diagrammen von Liam Gillick: statistische Erhebungen der Anzahl von Schlafwandler:innen, Katzen und Ratten, realen Menschen, grauen Hügeln in der Ferne und immer absurderer Kategorien, die das Leben im 21. Jahrhundert objektiv zu erfassen vorgeben. Bei genauerer Betrachtung offenbaren sich die scheinbaren Erklärungsmodelle als bedeutungslos und die Durchmessung der Wirklichkeit als unmöglich, da sie letztlich immer subjektiven, wechselhaften Sichtweisen unterliegt.

Fertige Antworten sind hier nicht zu finden. Stattdessen werden Fragen und „Möglichkeitsszenarien“ (Schafhausen) aufgeworfen: Anstöße zur Begegnung der massiven Probleme und Brüche unseres Daseins im 21. Jahrhundert durch mehrgleisige Öffnung des Denkens und des Blicks. Medienübergreifende Beiträge von rund 40 internationalen Künstler:innen führen ein verzweigtes Geflecht thematischer Stränge, Perspektiven und Ideen vor Augen. Darüber hinaus sind „Vision-Workshops“ der „Gesellschaft von morgen“ auf der Spur. Inmitten der künstlerischen Installationen stehen die Tische und Bänke der „School of Survival“: ein interaktives „Labor der Zukunft“, wo in Workshops, Seminaren und Veranstaltungen Strategien zum Umgang mit den Herausforderungen unser Zeit vermittelt und Besucher:innen zur Entwicklung eigener Vorstellungen und Praktiken angeregt werden sollen. Die Frage nach technologischem Wissen wird anhand des organischen Low-Tech-Strom-Generators „Aegina Battery“ von James Bridle in den Raum gestellt, der an Joseph Beuys‘ Zitronen-basiertem Energiequellen-Multiple „Capri-Batterie“ von Mitte der 1980er-Jahre erinnert. Lubaina Himids leuchtende Fahnen aus der Serie „How Do You Spell Change“ gehen den ökonomischen Bedingungen des Kolonialismus nach und unterwandern das System der Ausbeutung und Unterdrückung durch Gegenentwürfe der Freiheit und Selbstbestimmtheit: „So Many Dreams“.

Die Spuren der Erde selbst haben sich in Edith Dekyndts abstrakte textile Landschaft aus der Serie „Underground“ eingeschrieben. Abbas Akhavan formte den zerstörten Triumphbogen von Palmyra aus Strohlehm nach, eine wiederauferstandene Ruine, fragil wie Zivilisationen, Kulturen, Träume, das Leben selbst. Was ist Schönheit? Was ist Gemeinschaft, was ist Identität, was sind Grenzen, was ist Gerechtigkeit? Wonach suchen wir? Was bedeutet Überleben? Der Durchstrich im Titelbegriff, „Survival“ rückt die Vielschichtigkeit und Verschärfung der Problematiken in den Blick, denen wir uns heute persönlich, kollektiv, auf ökologischer, sozialer und politischer Ebene in nach-pandemischer, von neu aufflammender Kriegsgewalt und Terror durchdrungener Situation stellen müssen: Herausforderungen, für die es keine eindimensionalen Lösungen gibt. Die Hamburger Ausstellung lädt zum genauen Hinsehen und Zuhören – und vor allem zum Selbstüberlegen darüber ein, wie wir unsere schwierige Gegenwart gestalten und in eine hoffnungsvollere Zukunft gehen wollen.