Haute Couture für Vogelscheuchen

28. 10. 2009
Dietrich Roeschmann

Toll: Die Bild-, Geld- und Warenkreisläufe von Daniel Knorr und Zachary Formwalt in der Kunsthalle Basel.

Irgendwann ist man einfach weg. Hallo? Nichts mehr zu sehen, kein Signal. Ein seltsames Gefühl. Dabei hatte alles so lustig angefangen, mit einem interaktiven Parcours, auf dem man von seinem Alter Ego in die Ausstellung von Daniel Knorr (*1968) eingeführt wird. Auf 30 Metern Länge hat der in Berlin lebende Künstler im Erdgeschosssaal der Kunsthalle Basel eine LED-Wand montiert, auf der ein Strichmännchen in zackigen Bewegungen das eigene müßige Schlendern durch den Saal imitiert. Bleibt man stehen, bleibt auch das Männchen stehen. Geht man weiter, stolpert es wieder wie eine animierte Infografik neben einem her. Ein Leuchtdioden-Schatten, der jeden, der den Saal betritt, begrüßt, begleitet und am Ende der Besucherstatistik des Hauses und den folgenden Räumen überantwortet, an deren Eingang jeweils ein kleiner Bildschirm die exakten Positionen der einzelnen Besucher in der Ausstellung anzeigt. Bleibt man allerdings zu lange stehen, verschwindet das LED-Männchen vom Screen. Es hat seine Aufgabe erfüllt, die Daten sind registriert, warum also noch Strom vergeuden? Es ist ein perfides Spiel mit den virtuellen und realen Spuren personenbezogener Informationen, das Knorr hier inszeniert hat. Aber auch er selbst gibt etwas von sich preis. Im Nebenraum glüht an der riesigen weißen Wand eine einsame einzelne Leuchtdiode: der Künstler ist gerade wach, soll sie angeblich anzeigen. Man könnte das als eine intime Botschaft verstehen, als Sendesignal aus Knorrs persönlichem Reality-Soap-Art-Container, doch insgeheim wird man den Verdacht nicht los, dass es sich in Wirklichkeit genau andersrum verhält: man fühlt sich beobachtet, überwacht, ausspioniert.

Der gebürtige Rumäne Daniel Knorr ist bekannt für solche Strategien der Umkehrung, mit denen er konsequent eingespielte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster in Frage stellt. In der Kasseler Kunsthalle Fridericianum hängte er so erst kürzlich zwei prall gefüllte Altglascontainer an der Decke auf, ließ den Inhalt mit Getöse auf den Betonboden des Ausstellungsraums krachen und machte sich dann an die Arbeit, aus den schönsten Wein- und Bierflaschenscherben bizarre Designerbrillen-Plagiate zu basteln. In Basel sind die scharfkantigen Fetische aus Recyclingmüll nun in spiegelnden Vitrinen zu sehen und liefern selten schöne Belege für Knorrs These, dass alles auf der Welt ist, um irgendwann zu zerbrechen und in einen anderen Zustand überzugehen. Davon handelt seine Kunst: von der Visualisierung und der Materialisierung der Möglichkeiten, die in den Dingen stecken.

Diesem Gedanken folgt auch die für Basel entstandene Arbeit „Haute Culture, Odd Culture“, für die Knorr im großen Oberlichtsaal im Erdgeschoss sechs Vogelscheuchen aus Stroh aufgestellt hat. Sie tragen Kostüme von Dior und Chanel und Anzüge des Kunstszenen-Lieblings Hedi Slimane, aber natürlich nicht aus der aktuellen Kollektion, sondern abgelegte Couture – eben odd ends aus dem Second-Hand-Shop. Ihr plötzlicher Seitenwechsel vom Laufsteg zum imaginären Acker hat eine böse Pointe: Ist möglicherweise in jedes Designerstück bereits seine spätere Funktion als greller Fetzen eingenäht, der sogar hungrige Vögel auf Abstand hält? Ist es vielleicht genau das, was Fashion Victims schon heute so unfreiwillig komisch erscheinen lässt?

Quadratur der Ökonomie
Denkbar schlüssig kreist auch die zweite Ausstellung in der Kunsthalle um die Frage der Visualisierung verborgener Prozesse. Der Amerikaner Zachary Formwalt (*1979) versucht hier nichts weniger als die Quadratur des Kreises: Er möchte die Bewegung des Spekulationskapitals in Bilder fassen, um sie in ein Verhältnis zu ihren sichtbaren gesellschaftlichen Auswirkungen zu setzen. Da Geld jedoch eine Abstraktion ist, deren Wert auch darauf beruht, dass die Arbeit, die zur Schaffung des Ge­brauchswerts einer Ware nötig ist, in ihr zum Verschwinden kommt, macht sich Formwalt über atemberaubende Umwege auf die Suche nach den Spuren dieser Verwandlung. Mal analysiert er den Zusammenhang von Werten und Motiven unterschiedlicher Briefmarken aus der Inflation von 1923 und der Großen Depression der 30er Jahre („At Face Value“), mal stellt er eine Fotografie der Londoner Börse von 1845 nach, auf der aufgrund extrem langer Belichtungszeiten kein einziger Mensch, sondern allein der Tempel des Kapitals zu sehen war. Auf wunderbar elegante Weise gelingt es Formwalt so, Marx’ Idee aus den ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 kritisch für die Gegenwart neu zu lesen. „Geld“, heißt es dort, „ist das äußere Mittel, die Vorstellungen zur Wirklichkeit und die Wirklichkeit zu einer bloßen Vorstellung zu machen“.

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